HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Heiner Müller, © Hermann Weingartner
Heiner Müller, Jahrgang 1949, ist Diplomvolkswirt und arbeitet als Redakteur beim Bayerischen Rundfunk.
1.8.2004 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Dummköpfe, Faulenzer, Simulanten

Kommentar von Heiner Müller

Illustration: Tobias Buckel

Es ist schon ein ziemlich seltsames Land, dieses Deutschland. Denn wir sind unsäglich schlecht geworden. An den deutschen Universitäten sitzen Dummköpfe, an den deutschen Werkbänken stehen Faulenzer, in den deutschen Krankenhäusern liegen Simulanten – kurzum, wir müssen deshalb sparen und kürzen, bis wir unser Gemeinwesen, das wir in mehr als fünf Nachkriegsjahrzehnten aufgebaut haben, nicht mehr erkennen.

Aber was ist eigentlich passiert? Warum lebt diese Bundesrepublik seit einiger Zeit im Ausnahmezustand? Die Antwort ist einfach: Wir haben die Katastrophe, weil unser Bruttoinlandsprodukt nun schon seit zwei Jahren hintereinander kein Wachstum mehr aufweist. Sprich, im Jahr 2002 und im Jahr 2003 haben wir nur noch genau so viele Güter und Dienstleistungen produziert wie im Jahr vorher. Im Durchschnitt hat also der Metzger genau so viel Presssack gemacht, der Metallbetrieb genau so viele Maschinen gebaut und der Klempner genau so viele Abflüsse repariert wie in den Jahren vorher.

Was aber wird eigentlich ein Afrikaner oder ein Pakistaner denken, der zufällig hört, dass in einem der reichsten Länder der Welt Katastrophenstimmung herrscht, weil der riesige Berg an Gütern und Dienstleistungen in Deutschland seit zwei Jahren nicht mehr wächst, sondern gleich groß bleibt. Wenn er freundlich ist, wird er sagen: „Deren Sorgen möchte ich haben.“ Natürlich, werden die Wachstumsapologeten jetzt einwerfen, vergleichsweise geht’s uns gut. Aber dass wir viereinhalb Millionen Arbeitslose haben, das ist ja wohl auch ein Fakt. Und deshalb müssten halt unsere Politiker das Schiff wieder auf Wachstumskurs bringen. Da müssten sich eben die Rentner einschränken und die Studenten und die Kranken und die Natur soll sich auch nicht so haben und das Betriebsverfassungsgesetz ist eh bloß was für die Arbeiter. Opfer müssen eben gebracht werden, wenn nur endlich das geliebte Wachstum zurückkommt.

Soweit die offizielle Ideologie. Tatsächlich jedoch ist ein Wachstum von drei Prozent – und erst damit könnten wir unsere Arbeitslosigkeit spürbar reduzieren – einfach nicht mehr zu erreichen. Meine Kinder – heute Anfang zwanzig – müssten beispielsweise bei drei Prozent Wachstum in 23 Jahren bereits doppelt so viel konsumieren wie heute. Und meine potentiellen Enkel müssten nach weiteren 23 Jahren bereits das Vierfache an Gütern und Dienstleistungen bewältigen. Die Urenkel das Achtfache. Eine irrsinnige Idee. Und doch hängt die ganze politische Diskussion am Wachstum wie der Junkie an der Nadel. Warum eigentlich bringt es niemand mehr fertig, über Alternativen nachzudenken? Dass wir beispielsweise weniger arbeiten oder dass wir den Stress wieder etwas reduzieren und dass wir dafür Arbeitslose einstellen? Natürlich weiß ich auch, dass die internationale Konkurrenz nicht faul ist. Aber das sind doch auch nur Getriebene. In England, Frankreich, den USA, Japan – überall herrscht das gleiche grausame Spiel.

Was wir brauchen, ist eine breite internationale Diskussion über die Art, wie wir in Zukunft wirtschaften wollen. Und wer anders als ein immer noch reiches und leistungsstarkes Land wie Deutschland könnte damit beginnen? Schwierig wird das sicher, denn es gibt keine Patentrezepte. Aber es gibt die dringende Notwendigkeit, uns endlich aus dieser Wachstumsideologie zu befreien. Denn sie kann ökonomisch auf Dauer nicht funktionieren. Und ökologisch würde dies unser kleiner Planet ohnehin nicht lange durchstehen.

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