HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Franz Alt, © www.sonnenseite.com
Franz Alt, Jahrgang 1938. Seit 1968 Fernsehjournalist, 20 Jahre Leiter und Moderator von „Report Baden-Baden“, danach Leiter und Moderator der ARD-Zukunftsreihe „Zeitsprung“ und des Magazins „Querdenker“. Leitet heute das 3sat-Magazin „Grenzenlos“. 14 verschiedene Auszeichnungen und Preise sowie zahlreiche Buchveröffentlichungen mit über zwei Millionen Exemplaren Gesamtauflage in acht Sprachen, darunter „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ und „Das ökologische Wirtschaftswunder“. Aktuelles von Franz Alt unter www.sonnenseite.com.
1.8.2004 | Druckansicht

Ökonomie & Ökologie

Globaler Marshallplan für eine bessere Welt

Die vier reichsten Amerikaner besitzen derzeit mehr Geld als eine Milliarde der ärmsten Menschen in dieser Welt. Ist das ein Rezept für eine bessere Welt? Die USA geben momentan innerhalb von zweiunddreißig Stunden mehr Geld für das Militär aus, als die Vereinten Nationen für ein ganzes Jahr zur Verfügung haben. Ist das ein Rezept für eine bessere Welt? Die Industrienationen verbrauchen an einem Tag eine Menge an Kohle, Gas und Öl, für die Mutter Natur fünfhunderttausend Tage benötigte, um sie zu erschaffen. Ist das ein Rezept für eine bessere Welt? Die globalisierte Welt ist auf dem falschen Weg. Auf dem zweiten Welt-forum für Erneuerbare Energien 2004 in Bonn stellte der Fernsehjournalist Dr. Franz Alt ein Konzept für einen globalen Marshall-Plan vor, der nicht nur die vielfältigen Probleme durch Verbrennung fossiler Energieträger lösen, sondern auch Arbeitslosigkeit und Hunger auf der Welt reduzieren soll. Hier eine etwas gekürzte Fassung seines Vortrags in Bonn. (ho)

Vortrag von Franz Alt

Selbst die „Millennium Development Goals“ (Entwicklungsziele für das neue Jahrtausend, Anm. d. Red.), auf die sich die Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen zu Beginn des neuen Jahrtausends fest verpflichtet hat, konnten noch keinen nennenswerten Wandel einleiten. Zum Beispiel erkennen wir jetzt, dass das Ziel, die Anzahl der Hungernden auf der Welt zu halbieren, nicht erreicht werden kann.

Das Geld ist da, der politische Wille ist es nicht. In keinem Jahrhundert hat die Menschheit so viele materielle Werte angehäuft wie in den letzten hundert Jahren – doch Hunger plagt die Welt bis heute. Es gibt immer noch zwei Milliarden Menschen, die versuchen müssen, mit weniger als zwei Dollar pro Tag zu existieren. Und 26.000 Menschen müssen jeden Tag an Hunger sterben.

In dieser Situation haben die Initiatoren des globalen Marshall-Plans ein realistisches Konzept für eine bessere Welt ausgearbeitet – basierend auf einer weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft und gegründet auf hundertprozentig erneuerbaren Energien. Konkret bedeutet dies

  • Ökologische Standards für eine tragfähige Wirtschaft zu schaffen
  • die Wurzeln des Terrorismus ohne Krieg zu beseitigen
  • ein neues Weltwirtschaftswunder zu erreichen
  • den Hunger in der Welt zu überwinden

Eine solare Weltwirtschaft bedeutet Millionen neuer Arbeitsplätze, so wie es auf diesem zweiten Weltforum für Erneuerbare Energien nachgewiesen wurde, mehr Umweltschutz, mehr Sicherheit. Die wichtigste politische Alternative des 21. Jahrhunderts wird sein: Krieg für Öl oder Frieden durch die Sonne. Nur eine hundertprozentige Kehrtwendung zu erneuerbaren Energien kann Konflikte um die verbliebenen Ressourcen der Welt verhindern. Unser Konzept ist es, Europa an die Spitze einer weltweiten Bewegung zur Realisierung dieses ökosozialen globalen Marshall-Plans zu setzen. Die USA selbst haben nach dem zweiten Weltkrieg gezeigt, dass solch ein Marshall-Plan erfolgreich implementiert werden kann. Mit weniger als zwei Prozent ihres eigenen Bruttosozialprodukts haben die USA klar demonstriert, wie Europa, das total zerstört war, wieder aufgebaut werden konnte.

Warum sollte ein solcher Erfolg nicht auch heute möglich sein? Warum können alle Industrienationen zusammen nicht in der Lage sein, eine ähnliche Erfolgsstory zu erreichen und den ärmeren Ländern der Erde eine neue Lebensperspektive zu geben? Die ökonomischen und globalen Finanzexperten, die diesen globalen Marshall-Plan unterstützen, haben geschätzt, dass 120 Milliarden Dollar pro Jahr benötigt werden, um diesen Plan zu realisieren. Setzen wir dies in die richtige Perspektive: Allein für das Militär geben die USA mehr als 400 Milliarden Dollar pro Jahr aus.

Oder ein anderer Vergleich: Heute tragen die Industrienationen 0,2 Prozent ihres Bruttosozialprodukts zur Entwicklungshilfe bei. Wir brauchen diese Mittel nur zu verdoppeln, um die Ziele des globalen Marshall-Plans zu finanzieren. Mit Sicherheit sind 0,4 Prozent unseres Bruttosozialprodukts ein kleiner Preis, den wir für eine überlebensfähigere und sicherere Welt bezahlen würden. 0,4 Prozent wären nur ein Drittel jener 1,3 Prozent, die die USA nach dem zweiten Weltkrieg investierten. Diese Beispiele zeigen, dass ein solcher globaler Marshall-Plan realistisch finanzierbar ist.

Daher hat dieser Plan die Unterstützung solcher Leitfiguren wie Kofi Annan, Michail Gorbatschow, Hans Küng, Klaus Töpfer, Al Gore, George Soros, Hermann Scheer, Lutz Wicke, Ernst Ulrich von Weizsäcker und Franz Josef Rademacher sowie der Mitglieder des Club of Rome und des Club of Budapest.

Alle diese Unterstützer haben sich selbst verpflichtet, die Anstrengungen zu fördern, um den globalen Marshall-Plan durchzusetzen. Wenn wir wirklich den Willen haben, es zu tun, können wir Hunger und Mangelernährung innerhalb der nächsten Jahrzehnte ins Museum der Geschichte verbannen. Wir können sicherstellen, dass kein Kind in dieser Welt mehr hungrig in die Zukunft gehen wird. Die Vorbedingung dafür ist eine dauerhafte Unterstützung tragfähiger Energien. Denn: Keine Energie, keine Entwicklung.

Aber die heutige Mischung fossiler und nuklearer Energien hat keine Zukunft mehr. Das Öl wird vielleicht noch vierzig Jahre reichen. Aber die Sonne wird noch etwa 4,5 Milliarden Jahre strahlen. Und der größte ökonomische Vorteil dieser ökologischen Energie ist: Sonne, Wind und Wasser senden uns keine Rechnung. Im letzten Jahrzehnt hat sich der Preis fossiler Energieträger verdoppelt, währen der Preis erneuerbarer Energien sich halbierte. In nur wenigen Jahren werden erneuerbare Energien sogar billiger sein als die derzeitigen fossilen Energien.

Speziell im Interesse der ärmeren Gesellschaften der Welt müssen wir die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Ener­­gieformen abwägen, die uns in der Zukunft zur Verfügung stehen werden. Die alten Energien sind Auslaufmodelle. Sie werden immer teurer, und die ärmsten Länder können sie sich heute schon nicht mehr leisten. Die alten Energien zerstören die Umwelt und sorgen für einen kontinuierlichen Flüchtlingsstrom von Süd nach Nord.

Heute gibt es, so Klaus Töpfer, bereits 18 Millionen Flüchtlinge in Afrika, die nur auf der Suche nach neuen Wasserquellen unterwegs sind. Und George W. Bush gibt uns einen Vorgeschmack darauf, wie zukünftige Kriege im globalen Kampf um Energie aussehen werden. Krieg führt immer ins Chaos. Erneuerbare Energien führen zum Frieden. Es gab niemals Kriege um die Sonne und wird sie niemals geben, oder um den Wind oder Energien aus Biomasse. Jede Solarzelle, jeder Sonnenkollektor und jede Windmühle ist ein Zeichen des Friedens. Aber jedes Atomkraftwerk ist eine Einladung für Terroristen. Die Sonne ist die einzige Einnahmequelle, die die Welt hat. Alles andere ist nur eine Umwandlung von Sonnenenergie oder in der Tat Ausbeutung. Ohne Sonne kein Leben, keine Arbeit, keine Jobs.

Aber: Es gibt keine Bush-Sonne, keine Saddam-Hussein-Sonne oder Bin-Laden-Sonne. Die Sonne scheint für uns alle. Es gibt auch keine Aral-Sonne, keine Esso-Sonne und keine BP-Sonne. Vor 2000 Jahren sagte Jesus in seiner Bergpredigt: „Unser himmlischer Vater lässt die Sonne auf die Gerechten und Ungerechten gleichermaßen scheinen.“ Das heißt, auf Bush, auf Bin Laden und auf uns alle hier in diesem Raum. Unsere nächsten Schritte zur Realisierung des globalen Marshall-Plans:

Im Herbst und Winter 2004 werden die Unterstützer des Plans die Europäische Union und die nationalen Parlamente sowie die Europäische Kommission kontaktieren und vorschlagen, eine Initiative für einen globalen Marshall-Plan zu starten. Die Europäische Union sollte ein entsprechendes Konzept in der Zukunft als eine gemeinsame europäische Position auf allen zukünftigen Weltgipfelkonferenzen einbringen.

Derzeit wird die Initiative für einen globalen Marshall-Plan unterstützt von einer Gruppe von NGOs (Non-Governmental Organizations = regierungsunabhängige Organisationen, Anm. d. Red.) und Vereinigungen sowie durch prominente Persönlichkeiten. In den nächsten Monaten soll die Basis signifikant erweitert und internationalisiert werden, sowohl in Europa als auch später weltweit. Weitere Informationen über die globale Marshall-Plan-Initiative stehen im Internet unter www.globalmarshallplan.org.

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.