HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Hans Olbrich, © Marcus Gruber
Hans Olbrich. Seit 40 Jahren Informationsgestalter und Autor für Unternehmen, Organisationen und Redaktionen.
Thomas Seltmann, © Marcus Gruber
Thomas Seltmann (Jahrgang 1972) ist Experte für nachhaltige Energiewirtschaft, Autor und Berater für Solartechnik ("Photovoltaik - Strom ohne Ende", Solarpraxis Verlag Berlin), untersucht und propagiert Alternativen zur herrschenden Ökonomie, engagiert sich für mehr Demokratie und hält Vorträge zu Themen wie "Überall fehlt plötzlich das Geld - warum eigentlich?" und "Mehr Wohlstand ohne Wachstum."
www.thomas-seltmann.de
1.6.2004 | Druckansicht

Ökonomie & Ökologie

Ölscheichs von gestern und Ölscheichs von morgen

Die Wirtschaft der Industrienationen hängt am Erdöl wie der Junkie an der Nadel. Und dies mit ähnlichen Folgen: Abhängigkeit, Ausbeutung, Vergiftung, Zerstörung. Aber im Gegensatz zum Junkiestoff, der aus nachwachsenden Pflanzensubstanzen hergestellt wird, geht der Grundstoff unserer Öl- und Plastikkultur zu Ende. Und zwar bald: „Am Ende dieses Jahrzehnts werden uns die ökonomischen Probleme der Verknappung des Öls mit voller Wucht treffen“ sagte Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp auf der Expo 2000 in Hannover. Und ein faktenreicher Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom fünften April dieses Jahres endet mit dem Fazit „Langfristig bleibt nur eine Chance: Die Welt muss sich vom Öl abkoppeln.“ Trotzdem verbreiten die Meinungsmacher der Erdölindustrie beharrlich zwei alte Mythen: „Die Ölvorräte reichen noch lange“ und „Erdöl bringt Wohlstand“. Dabei steht berechenbar fest, dass die Ölscheichs der Zukunft ganz anders aussehen werden als Burnusmänner in Märchenpalästen und Maßanzugmänner in Megabürotürmen. Es werden Bauern sein. Und wahrscheinlich wird sich bis dahin nicht nur am Outfit der Öllieferanten, sondern auch am Geld etwas geändert haben.

Beitrag von Hans Olbrich, Thomas Seltmann

„Die Ölvorräte reichen noch lange“

Dieser Mythos wird jetzt schon von der Wirklichkeit überholt. Die ersten Ölfelder haben ihr Fördermaximum überschritten, so zum Beispiel das größte des Öllandes Oman. Und: Der Ölmulti Shell hat seine Angaben über verfügbare Reserven in den letzten Monaten schon dreimal nach unten korrigiert. Und: Fachleute wie der in der Erdölindustrie erfahrene Geologe Colin Campbell rechnen mit dem Überschreiten des Fördermaximums im Jahr 2010, also in sechs Jahren. Dann geht’s bergab. Bergauf geht’s dagegen mit dem Preis. Erdöl war in den neunziger Jahren meist unter zwanzig Dollar pro Barrel zu haben. Das ist vorbei. Immer häufiger wird die Dreißig-Dollar-Marke übersprungen. Die Ursache dafür ist vor allem Chinas enormes Wirtschaftswachstum, das im vergangenen Jahr auf über acht Prozent zulegte. Nach Schätzungen der Internationalen Energie Agentur IEA wird der Erdölverbrauch Ende dieses Jahres mit fast 82 Millionen Barrel pro Tag einen neuen Weltrekord erreichen.

„Erdöl bringt Wohlstand“

Dieser Mythos pflegt den Glauben, dass Wohlstand und Wohlleben ohne den Verbrauch von Erdöl nicht möglich seien. Das Gegenteil ist richtig: Ohne Erdöl müssten wir lediglich auf die vielen Nachteile der Mineralölwirtschaft verzichten. Die Natur bietet nämlich eine Alternative ohne Nachschub- und Transportprobleme und ohne giftige Nebenwirkungen: Pflanzenöl.

Verteilt über alle Klimazonen der Erde sind einige Tausend Ölpflanzenarten bekannt. Bisher werden sie vor allem zur Herstellung von Futter- und Nahrungsmitteln verwendet. Mit Pflanzenöl und vielen weiteren nachwachsenden Rohstoffen ließen sich nicht nur alle fossilen Energieträger ersetzen, sondern auch viele andere Produkte herstellen. So zum Beispiel Treibstoffe, Heizöl, Baustoffe, Fahrzeugteile, Kunststoffe für Konsumgüter wie Möbel, Bekleidung, Teppichböden, Büro- und Haushaltsgeräte, Lösemittel, Reiniger und andere chemische Hilfsstoffe für Industrie und Haushalt, Medizin und Kosmetik.

In Wissenschaft und Technik sind diese Alternativen längst bekannt. Die Umsetzung scheitert wie so oft am Geld. Betriebswirtschaftlich gesehen seien nachwachsende Rohstoffe heute noch zu teuer, so wird argumentiert. Warum? Weil Anbau und Verarbeitung lohnintensiver sind als die Förderung von Erdöl, das weniger arbeitsintensiv und dafür um so kapitalintensiver gefördert, transportiert und verteilt wird. Aber: Der Anbau von Ölpflanzen würde unzählige neue Arbeitsplätze schaffen – vor allem in der Landwirtschaft. Bauern wären die Ölscheichs der Zukunft.

Ein Lebensmittel zum Überleben

Anders als das giftige Mineralöl ist Pflanzenöl ein Lebensmittel und also ungefährlich für Boden und Wasser. Ein havarierter Pflanzenöltanker würde für Fische und Vögel ein Festbankett statt Not und Tod bedeuten. Auch das Weltklima wäre nicht länger unter Druck. Pflanzen geben im Verbrennungsprozess nämlich kein Milligramm mehr Kohlendioxid ab, als sie beim Wachsen aufgenommen haben. Also ein Kreislauf ohne Umweltbelastung. Bei der Verbrennung von Erdöl dagegen wird Kohlendioxid freigesetzt, das die Natur im Verlauf von Millionen Jahren in der Erdkruste verschlossen hat. Und dies wohl aus gutem Grund. Öl hätte niemals aus der Erde geholt werden dürfen und müssen, denn es gibt ja Öl, das oben auf der Erde wächst und immer nachwächst. Warum wird trotzdem gebohrt?

Dazu muss man sich mal in einen Ölscheich der Gegenwart hineindenken.

Der Scheich und das Öl und das Geld

Der Scheich hat also Öl im Boden seines Landes. Erdöl lässt sich nicht vermehren, es wächst nicht nach. Wie kann der Scheich den Wert seines Öls trotzdem vermehren? Indem er es zu Geld macht und dann das Geld vermehrt. Also verkauft er das Öl und steckt die Verkaufserlöse in Kapitalinvestitionen, die Zinsrenditen bringen. So hat der Scheich aus seinem Öl doch noch einen „nachwachsenden“ Mehrwert herausgezaubert, der sich rund alle zehn Jahre verdoppelt. Ist also eine bestimmte Eigenschaft des Geldes der Grund dafür, dass endliche Ressourcen gefördert und nachwachsende Energiequellen vernachlässigt werden?

Eine Geldtücke als Denklücke

Es gibt schon lange Wissenschaftler und andere Denker, die ernsthafte Zweifel an dem existierenden Geldsystem haben. Einige dieser kritischen Köpfe vergleichen die „wunderbare Geldvermehrung“ mit ähnlich verlaufenden Prozessen in der Natur, die ausnahmslos auf die Zerstörung des Gesamtorganismus hinauslaufen. Krebszellen zum Beispiel. Die verdoppeln sich ständig durch Teilung. Exponentielles Wachstum nennt man das.

Andere Wirtschaftswissenschaftler vergleichen das Geldsystem mit dem Betriebssystem des Computers und sagen, dass im heutigen Geldsystem ein Programmierfehler steckt, der unter anderem auch nachhaltiges Wirtschaften verhindert. Alternative Ökonomen propagieren deshalb, einen Fehler des Geldes zu korrigieren. Bei dieser Korrektur käme heraus, dass Einkommen im wesentlichen nur durch Arbeit und nicht durch das „Arbeiten lassen“ von Geld entstehen kann, das heißt durch die Arbeitsleistung von anderen. Durch eine konstruktive Umlaufsicherung, so sagen diese Geldexperten, bliebe das Geld stets vollständig im Wirtschaftskreislauf. Und anscheinend haben diese Leute sogar Recht. Denn sie können anhand ganz offizieller Zahlen nachweisen, dass die Selbstvermehrungsautomatik des Geldes Vorteile nur für die großen Geldmarktteilnehmer bringt – und Nachteile für alle, die arbeiten.

Der bekannte Geldexperte Helmut Creutz zum Beispiel rechnet vor, wie das bei den Preisen funktioniert. Zinsleistungen der Unternehmen gehen als Kapitalkosten genau so in die Produktpreise ein wie Material- und Personalkosten. Gleiches gilt für Steuern und Gebühren bei Ämtern und Behörden. Rechnet man die Zinskosten in Arbeitszeiten um, dann musste jeder Erwerbstätige 1950 etwa drei Wochen pro Jahr, 1975 sieben Wochen und im Jahr 2000 bereits mehr als ein Vierteljahr nur für Zinsen arbeiten. Selbst bei dieser zunächst vereinfachten Rechnung fallen also 25 Prozent Zinsen an, die jeder zahlt, auch wenn er keine Schulden hat. Bei Preisen besonders kapitalintensiver Produkte oder Dienstleistungen wie zum Beispiel Raffinerieprodukte oder Wohnungsmieten liegt der Zinsanteil sogar bei sechzig bis achtzig Prozent. Natürlich stehen diesen letztlich von den Privathaushalten zu zahlenden Zinskosten auch entsprechende Zinseinkommen gegenüber. Diese verteilen sich aber nicht analog zur Höhe der Ausgaben, sondern analog zur Höhe der zinsbringenden Vermögen. Und die sind auffällig ungleich verteilt: Nur zehn Prozent aller Haushalte sind die Gewinner, und diese Minderheit gewinnt dabei genau so viel, wie alle anderen neunzig Prozent verlieren.

Wie ließe sich das ändern? Noch einmal Helmut Creutz

Geld muss zirkulieren, damit die Wirtschaft rund läuft – so sagen auch die Freunde des Zinssystems, und sie argumentieren, dass sie mit dem Zins eine Belohnung erhalten dafür, dass sie ihr Geld über Kredite in die Wirtschaft zurückführen. Dazu ein Vergleich. Ein Geldbesitzer fährt mit seinem Auto in dichtem Verkehr, bleibt aber plötzlich in der Spur stehen, und während die Nachfolger ein Hupkonzert aufführen, kommt ein Polizist herbeigeeilt und reicht dem Blockierer einen großen Geldschein durchs Fenster, damit er bitte weiter fährt und den Verkehr nicht länger blockiert. Der Widersinn des Zinsgeldes ist offenkundig und er widerspricht allen Prinzipien, mit denen die öffentliche Ordnung in jedem anderen Bereich aufrecht erhalten wird.
Helmut Creutz schlägt vor, dem Blockieren von öffentlichen Einrichtungen durch Gebühren vorzubeugen, statt Belohnungen für die Freigabe erzwingen zu lassen. Der Effekt im Geldsystem wäre eine legale Konkurrenz zwischen einer „Geldblockierungsgebühr“ und dem Zins, der sich dann einfach nach marktwirtschaftlichen Mechanismen entwickeln würde.

Ökonomie und Ökologie unter einem Hut

Zurück zu unserem Ölscheich. Als Folge einer derartigen Veränderung im Geldsystem würden sich seine Renditeaussichten buchstäblich umkehren. Jetzt wäre es für ihn tatsächlich lukrativer, das Erdöl im Boden zu lassen und Ölpflanzen anzubauen und Pflanzenöl statt Erdöl zu verkaufen. Warum? Wenn das Geld selbst nicht mehr „wachsen“ kann wie früher, wäre natürlich nachwachsendes Öl die bessere, weil nie versiegende Geldquelle. Ähnlich würde dieses innovative Geld auch in anderen Bereichen zu einer natürlichen Wirtschaftsordnung führen. Der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie wäre beendet. Doch nun: Warum wird das wider alle Überlebensvernunft nach wie vor verbissen verhindert?

Dazu muss man sich mal in einen Öl-Boss der Gegenwart hineindenken.

Warum die Bosse blockieren

Die unschätzbaren Vorteile einer nachhaltigen Energiewirtschaft auf der Basis von nachwachsenden Rohstoffen ist für die heutige Energiewirtschaft natürlich eine Bedrohung. Statt zentraler Versorgung durch Monopole entstünde eine dezentrale Versorgung mit gesundem Wettbewerb unter vielen Anbietern. Und es gibt schon Pioniere auf diesem Weg.
Bei einer dezentralen Energieversorgung aus natürlichen Quellen schwinden Marktmacht, Einfluss und Profit einer Energiewirtschaft, die auf zentralen Strukturen basiert. Andererseits dämmert es auch den Hardlinern unter den Ölbossen, dass sie dem nachlassenden Druck der Ölquellen und dem wachsenden Druck der Vernunft auf Dauer nicht gewachsen sind. Deshalb haben sie sich etwas einfallen lassen, wie sie ihre Monopolmacht erhalten wollen. Und schon propagieren die Ölmultis ihre eigenen „Innovationen“: Statt Pflanzenöl sollen von ihnen selbst entwickelte, ebenfalls aus Pflanzen gewinnbare Treibstoffe den alten Betrieb am Laufen halten. Und schon wären die aufwändigen und mit hohen Investitionskosten betriebenen Produktionsverfahren und die zentralisierten Verteilwege und die alte Abhängigkeit der Verbraucher weiterhin gesichert. Und die Vermehrung der Gewinne durch die wunderbare Geldvermehrung natürlich auch. Nur aus dieser Sicht lässt sich so schön argumentieren, dass nachwachsende Rohstoffe „betriebswirtschaftlich gesehen“ zu teuer sind. Aber was ist das für eine „Ölbetriebswirtschaftsrechnung“, in der die Kosten aller Folgeschäden des Erdölverbrauchs einfach ausgeblendet werden? Würden diese Kosten nämlich eingerechnet, wäre der Verbrauch von Pflanzenöl auf der Stelle wirtschaftlich. Sogar ohne die von Helmut Creutz und vielen anderen vorgeschlagene Veränderung des Geldes.

Erdöl, genauer „Mineralöl“, hat sich in Millionen Jahren aus den mineralisierten Faulschlämmen abgestorbener Pflanzen und Tiere am Grund urzeitlicher Meere gebildet. Heute deckt es fast vierzig Prozent des weltweiten Energiebedarfs, obwohl es mit aufwändigen Verfahren gefördert, mit hohen Risiken transportiert und mit noch höheren Folgeschäden in Form unzähliger Produkte verbraucht wird.

Petrochemie, wie sich diese auf Erdöl basierende Grundstoffindustrie nennt, ist einer der umsatz- und gewinnträchtigsten Zweige der Weltwirtschaft. Der größte Ölkonzern Exxon-Mobil erzielt einen Jahresumsatz in Höhe der Wirtschaftsleistung eines ganzen Landes wie zum Beispiel Schweden.

Ölpflanzen speichern Sonnenlicht und können fast überall in der Welt angebaut werden. In einem Umweltbericht der Vereinten Nationen wurde festgestellt, dass die Sonneneinstrahlung auf die Erde zehntausendmal mehr Energie liefert, als die Menschheit heute verbraucht. Selbst in wasserarmen Wüstenrandzonen könnte man diese Energie mit dort wachsenden Ölpflanzen nutzbar machen. Visionäre träumen sogar davon, mit ihrer Hilfe die Ausbreitung der Wüsten zu stoppen und zum Teil wieder zu begrünen. Solarstromanlagen, so ihre Vorstellung, würden Meerwasser entsalzen und von der Küste ins Landesinnere transportieren.

In Deutschland wurden bereits mehrere Tausend Kraftfahrzeuge für den Betrieb mit Pflanzenöl umgerüstet. Der Vorratstank in der eigenen Garage erspart dabei sogar die Fahrt zur Tankstelle der Ölmultis. Der Treibstoff kommt frisch gepresst vom Bauernhof nebenan. Trotzdem bieten die Autokonzerne bis heute keine für den Betrieb mit Pflanzenöl geeignete Modelle an. Weiterhin verhindern die Umrüstungskosten konventioneller Automobile die schnellere Verbreitung des nachhaltig gewinnbaren und unschädlichen Treibstoffs Pflanzenöl.

Helmut Creutz befasst sich seit über zwanzig Jahren mit Analysen des existierenden Wirtschaftssystems und speziell mit der gegebenen Geldordnung. 1989 erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität Kassel und wurde von verschiedenen Seiten als Kandidat für den alternativen Nobelpreis vorgeschlagen. Sein bekanntes Buch „Das Geldsyndrom“ ist 2001 in der sechsten Auflage bei ECON erschienen.

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.