HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Helmut Creutz, © privat
Helmut Creutz befasst sich seit 20 Jahren mit Analysen unserer Wirtschaft, vor allem mit den Auswirkungen der gegebenen Geldordnung. 1989 erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität Kassel. Sein letztes Buch „Das Geldsyndrom – Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft“ ist in der 5. Auflage (Verlagshaus Mainz, Aachen 2004) erhältlich.
1.8.2004 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Vermögens(rettungs)ratgeber: Verstand? Verantwortung?

In den achtziger Jahren erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „The Great Depression of 1990“, das bald darauf auch in Deutschland als „Die große Rezession von 1990“ auf den Markt kam. In diesem Buch des US-Wirtschaftswissenschaftlers Ravi Batra wurde für das Ende der achtziger Jahre ein Wirtschaftszusammenbruch größeren Ausmaßes vorausgesagt.*) Dass sich die Befürchtungen Ravi Batras 1990 nicht erfüllten, wissen wir inzwischen. Das Buch wäre darum kaum noch eines Wortes wert, hätte der Autor nicht auch „konkrete Maßnahmen zur privaten Vermögenssicherung“ vorgeschlagen. Was er nicht bedacht und berechnet hatte, wird hier zu Ende gedacht und gerechnet. (ho)

Kommentar von Helmut Creutz

Die Situation heute

Auch heute nehmen die Warnungen vor einem Kollaps der Finanzsysteme wieder zu, die – bedingt vor allem durch Überentwicklungen der monetären Bestandsgrößen – ebenso in einer deflationären Rezession wie in einer großen Inflation enden könnten, bei der die Ersparnisse im Gleichschritt mit den Verschuldungen vernichtet würden. Solche Befürchtungen sind nicht unbegründet. Wer die heutigen Entwicklungen auf den Finanzmärkten, die Größe der wachsenden Geldvermögen, der Schulden, der Zinsströme und der damit verbundenen Umverteilungen von der Arbeit zum Besitz beobachtet, kann die Explosivität dieser Entwicklungen nur bestätigen. Denn wie bei Kettenbriefen oder Pyramidenspielen funktioniert auch unser vom Kapital dominiertes Wirtschaftssystem nur bei ständig wachsenden Mitspieler- und Umsatzzahlen, die wiederum nur mit stetigem Wirtschaftswachstum halbwegs realisierbar sind.

So betrachtet, kann man auch die heutigen Globalisierungsprozesse als fast zwanghafte Rettungsversuche für dieses Kettenbriefsystem deuten. Durch noch mehr Raketen zu Mond und Mars kann man zwar Teile der zu viel vorhandenen anlagesuchenden Geldmittel neutralisieren, kaum aber zur Lösung des eigentlichen Problems beitragen. Dazu wären größere Vernichtungen, oder – wie der Österreichische Ökonom Schumpeter es bezeichnete – „schöpferische Zerstörungen“ erforderlich, möglicherweise sogar kriegerischer Art.

Kein Wunder, dass man angesichts dieser Entwicklungen auch heute wieder von diversen Seiten Patentrezepte zur Absicherung gegen Crashgefahren lesen oder hören kann. Ähnlich wie bereits von Ravi Batra, werden auch hier meist liquidere Haltungen der privaten Geldvermögen vorgeschlagen. So zum Beispiel die Umschichtung in ein Drittel Gold, ein Drittel Euro-Bargeld und ein Drittel Schweizer Franken.

Berechnen statt Beraten

Um diese Absicherungen beurteilen zu können, muss man sich zuerst einmal die Größe der heutigen Geldvermögen vor Augen führen. So lagen zum Beispiel die gesamten Geldvermögen in Deutschland Ende 2002 bei 5.933 Milliarden Euro und erreichten damit knapp das Dreifache der jährlichen Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt). Von diesen 5.933 Milliarden entfielen 3.731 auf die Privathaushalte, 1.901 auf die Unternehmen und 301 Milliarden auf den Staat. Zieht man nur die privaten Geldvermögen für die Beurteilung heran (obwohl auch die der Unternehmen fast ausschließlich privaten Haushalten gehören), dann ergeben sich für jeden der 38 Millionen Haushalte in Deutschland im Durchschnitt rund 98.000 Euro, also rund 33.000 Euro für jedes Drittel. Die Größe dieser Drittel-Beträge bei den Einzelhaushalten erscheint noch überschaubar. Fasst man aber alle Haushalten zusammen, ergibt sich für jeden dieser Drittel-Beträge eine Summe von rund 1.250 Milliarden Euro. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Größenordnungen für die drei Drittel Gold, Bargeld und Schweizer Franken?

Zum Gold-Drittel

Da der Goldpreis heute bei rund 10.000 Euro je Kilogramm liegt, würde die Goldhaltung im Durchschnittswert von 33.000 Euro für jeden Haushalt rund 3,3 Kilogramm erfordern. Für die 38 Millionen deutschen Haushalte zusammen ergäbe sich eine Goldmenge von 125.000 Tonnen. Dies entspricht dem Vierfachen der auf 30.000 Tonnen geschätzten Goldmenge, die heute von allen Notenbanken in ihren Kellern gehalten wird. Die insgesamt auf der Welt vorhandene Goldmenge wird zwar jedes Jahr durch laufende Minenförderungen um etwa 2.600 Tonnen ausgeweitet, aber auch mit dieser Vermehrung könnten nur zwei Prozent des Bedarfs allein der deutschen Haushalte abgedeckt werden. Zu welchen Turbulenzen und vor allem Preisauftrieben der daraus resultierende Nachfrage-Überhang auf den Goldmärkten führen würde, lässt sich kaum erahnen.

Aber nicht nur der Erwerb, sondern auch die Unterbringung und Absicherung der privaten Goldschätze – sofern sie denn zu erwerben wären – dürfte nicht ganz problemlos sein. Die heutigen Kapazitäten an privaten Schließfächern müssten jedenfalls auf ein Vielfaches erweitert werden.

Zum Bargeld-Drittel

Zu kaum geringeren Problemen als beim Gold würde auch die angeratene Bargeldhaltung von 33.000 Euro pro Haushalt führen. Zwar finden die dafür erforderlichen 66 Fünfhunderter-Noten noch in einer Brieftasche Platz, aber der sich daraus ergebende Gesamtbedarf an Bargeld in der Größenordnung von 1.250 Milliarden würde die in Deutschland vorhandene Bargeldmenge in Höhe von 112 Milliarden Euro um rund das Elffache übersteigen. Bedenkt man die Zeit, die zur Produktion der heute ausgegebenen Euro-Banknoten nötig war, dann lässt sich ahnen, wie lange die Bargeld-Sparer auf ihre jeweils 33.000 Euro warten müssten. Die latente Inflationsgefahr, die mit einer solchen Aufblähung der Geldmenge auf das Elffache verbunden wäre, bedarf wohl keiner Erläuterung. Bei den Bargeldabhebungen käme es jedoch zu einem vielleicht noch größeren Problem. Würden nämlich die Konten um 1.250 Milliarden Euro geplündert, reduzieren sich ja auch die Bankeinlagen entsprechend. Als Folge müssten die Banken in gleicher Höhe Kredite kündigen und das heutige Bankkreditvolumen von rund 3.000 Milliarden Euro um mehr als ein Drittel abbauen. Eine Kreditreduzierung und ‑rückzahlung in dieser Größenordnung aber ist selbst in besten Konjunkturphasen für eine Wirtschaft nicht zu verkraften.

Zum Schweizer-Franken-Drittel

Hier geht aus den Ratschlägen meist nicht eindeutig hervor, ob dabei an Geldanlagen oder an Bargeldhortungen in Schweizer Franken gedacht ist. Angesichts der Tatsache, dass der Bargeldbestand in der Schweiz nur einen Bruchteil des deutschen Bargeldbestandes ausmacht, würde eine Abhebung in bar die Schweizer Nationalbank also noch weit mehr überfordern als das bei der Bundesbank der Fall wäre. Es ist ganz sicher, dass die Schweiz schon zu Beginn solch massierter Bargeldnachfragen die Kassen für Ausländer dichtmachen müsste. Aber auch ein Umtausch von Euro-Geldanlagen in schweizerische Wertpapiere in den angesprochenen Größenordnungen würde nicht nur die dortigen Märkte völlig auf den Kopf stellen, sondern zur Abwicklung der Geschäfte – also der Hereinnahme der Euro – die Schweizer Notenbank zudem zu einer Ausweitung der Zentralbank-Geldmenge zwingen, die jede Vorstellung sprengt.

Verstand? Verantwortung?

Zusammenfassend kann man über solche Vorschläge zur „Rettung der Vermögen“ also nur den Kopf schütteln, vor allem angesichts ihrer katastrophalen Folgen. Als Geheimtipp unter der Hand weitergegeben, könnten solche Ratschläge möglicherweise für Einzelne von Vorteil sein. Öffentlich verbreitet sind sie jedoch nicht nur unrealistisch, sondern vor allem unverantwortlich. Selbst wenn nur fünf Prozent der Haushalte solche Ratschläge umsetzten, würde genau jener Finanz- und Wirtschaftscrash ausgelöst, vor dem die „Vermögensrettungsratgeber“ warnen. Wenn überhaupt, lassen sich Geldvermögen nur durch die Überwindung der Fehlstrukturen in unserem monetären System sichern, die heute zu ihrem Überwachstum führen und in Folge zu einem Verschuldungs- und Wachstumszwang mit katastrophalen sozialen und ökologischen Auswirkungen.

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