HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
1.8.2004 | Druckansicht

Praxis & Projekte

Die Bank, die Geld verschenkt

In dieser Rubrik werden Unternehmen vorgestellt, die konventionellen Konzepten zukunftsweisende Alternativen gegenüberstellen. Nach dem „anderen Gesundheitswesen“ in Heft eins folgt hier als zweites Beispiel ein Bericht über das „andere Bankwesen“. Geld kann nicht arbeiten, aber viel bewegen. Das ist die Philosophie der GLS Gemeinschaftsbank, die nichts verdienen, aber etwas bewirken will. Gewinn machen Banker und Anleger trotzdem: in Form von Sinn.

Bericht von Thomas Breulmann

Die Bank heißt GLS Gemeinschaftsbank eG, ist also eine eingetragene Genossenschaft. Das G steht für Gemeinschaftsbank, das L für Leihen, was bei einer Bank allenfalls wegen der Klarheit des Ausdrucks verwundert. Das S steht für Schenken. Ja: Schenken – und das im Namen einer Bank! Irgendwie hammse die nich alle, würde man hier in Bochum sagen.

Zum Jahresende 2003 hatte die GLS für 248 Millionen Euro Kredite vergeben. Zum Mai 2004 meldeten die Banker für das gesamte Institut eine Bilanzsumme von 460 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Commerzbank wies rund 500 Milliarden Euro aus. So betrachtet, ist die GLS ein Zwerg. Ein Zwerg allerdings, der aufrecht geht und gute Geschäfte macht. Am Empfang liegt die Broschüre „Der Zins als Verzicht auf Gegenseitigkeit“ aus. Die hat kein Spinner eingeschmuggelt, die soll da liegen. Zins als Verzicht auf Gegenseitigkeit? Das muss erst mal sacken.

Nach außen rühmt sich die Bochumer Gemeinschaftsbank die „erfahrenste e­thisch-ökologische Bank im deutschsprachigen Raum“ zu sein. Ein klares Profil. Aber eindeutig ist hier gar nichts. „Eine ethische Bank?“, stöhnt Ingeborg Diederich, die 16 Jahre lang im Aufsichtsrat saß und mit ihren 79 Jahren immer noch einen Schreibtisch in der Bank hat. „Wenn jemand unsere Arbeit auf ethisches Investment reduziert, wird mir schlecht.“

Nicht, dass Geld mit Ethik grundsätzlich nicht zusammenginge. Nur: Welche Ethik ist gemeint? Die des Alten Testaments: Zahn um Zahn? Die des Neuen: die andere Wange hinhalten? Es gibt Moralisten, die es in Ordnung finden, Ehebrecherinnen zu steinigen und Schwule lebendig zu begraben. Für andere löst der Shareholder Value alle Probleme. Wenn jeder das allgemein Verbindliche zu benennen hätte, würde jeder die Sitten seines Volkes wählen, vermutete der griechische Geschichtsschreiber Herodot schon vor zweieinhalbtausend Jahren. „So fest glaubt jeder, seine Sitten seien die besten.“ Wer Ethik und Geld zusammenbringen will, muss den Sachen auf den Grund gehen. Denken macht Arbeit. Die GLS macht sich sehr viel Arbeit.

„Bankarbeit ist institutionalisierter Umgang mit Widersprüchen“, sagt Thomas Jorberg vom Vorstand und meint zunächst etwas ganz Einfaches: Anleger wollen hohe Zinsen, wenig Risiko und jederzeit über ihr Geld verfügen können. Die Kreditnehmer wollen langfristig günstiges Geld, mit dem sie auch mal etwas riskieren dürfen. Das ist Bankenalltag. Spannender wird es bei der Sinnfrage. Das ist das Problem, mit dem sich die Bochumer Banker beschäftigen.

Finanziert wird nur, was die Welt voranbringt

Das tun sie seit mehr als 40 Jahren. 1961 gründeten Anthroposophen, also Anhänger der Lehre von Rudolf Steiner, die Gemeinnützige Treuhandstelle, GTS. Diese Einrichtung verstand sich als eine Art Dienstleister in Schenkungsangelegenheiten. Sie wurde ehrenamtlich von Menschen betrieben, die Ahnung von Geld hatten und es dorthin befördern wollten, wo es sich nützlich machen kann. Bilanzsumme im ersten Jahr: 994 Mark. Die Absicht, eine Bank zu gründen, hatte damals allerdings noch niemand. „Wir haben nie etwas geplant“, sagt Ingeborg Diederich, Mitgründerin der Bank.

„Aber wir haben immer an der Wahrnehmung der Wirklichkeit gearbeitet. Wir haben uns einfach gefragt: Was will die Wirklichkeit von uns?“ Die Wirklichkeit verlangte nach einer neuen Bank. Einer Bank, für die Geld keine Ware ist, die man kaufen und verkaufen kann, um noch mehr Geld zu machen. Stattdessen sollte sie mit Hilfe von Geld, das jemand gerade nicht braucht, Dinge ermöglichen, die die Welt weiterbringen. Der Gewinn: Sinn. 1974 wurde die Bank gegründet.

„Bank ist eine Verhaltensweise“, sagt Albert Fink, der damals Gründungsvorstand war und heute in den Aufsichtsräten der Bank und der angeschlossenen Treuhandstelle sitzt. „Bank sein heißt: Finanzierungsformen finden, die den betroffenen Menschen angemessen sind.“ Fink ist 68 und hat deutlich mehr Energie als die meisten jungen Banker bei einer After-Work-Party. Dass seit der Gründungsphase immer wieder Blütenträume geplatzt sind, stört ihn nicht. Er finanziert weiter, was er für richtig hält: eine völlig unabhängige Verbraucherorganisation zum Beispiel.

Ein Fünftel des Kreditvolumens der GLS-Bank geht an Projekte, die mit Ökologie im gutbürgerlichen Sinne zu tun haben: biologische und biologisch-dynamische Landwirtschaft, regenerative Energien. Mit Debatten über Widersprüche zwischen Ökonomie und Ökologie hält man sich nicht auf. „Diese Diskussion ist nur nötig, wo Ökonomie zum Selbstzweck geworden ist“, sagt Thomas Jorberg. Ökonomie aber sei schlicht die Lehre vom haushälterischen Umgang mit knappen Gütern. Das passt auch auf die Ökologie, die übrigens auch eine Wissenschaft sei und keine moralische Leitplanke.

Jeweils rund ein Sechstel der Kredite fließen in Heilpädagogik und Sozialtherapie, Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaften sowie in nichtstaatliche Schulen und Kindergärten, vor allem in Einrichtungen, die sich an der Waldorfpädagogik orientieren. Außerdem gibt es Darlehen für Kunst und Kultur, Fortbildung und Medizin, Alten- und Jugendarbeit.

Ganz umsonst sind die Kredite meist nicht. Aber bei sehr vielen der Darlehen, die von der GLS-Bank vergeben werden, hätte jedes andere Institut abgewunken. Entscheidend für die Vergabe ist: Es soll absehbar sein, dass ein Projekt von gesellschaftlichem Nutzen sein wird. Deshalb sitzt der Kreditberater Rolf Novy-Huy gerade mit dem Vertreter einer Kommune zusammen. Einer richtigen Kommune, in der viele Menschen zusammenleben, ihre Einkommen in einen Topf werfen und sich aus diesem Topf bedienen. So etwas gibt es tatsächlich noch.

Man muss Dinge ausprobieren, darauf besteht Novy-Huy, der Kreditberater. Denn wir müssten jetzt anfangen, Lösungen für die Zukunft vorzubereiten, damit wir später Fragen beantworten können, die sich heute schon stellen. Was tun, wenn sich Familienzusammenhänge auflösen? Wenn Nachbarschaften keine Rolle mehr spielen? Wenn es nicht mehr genug junge Menschen geben wird, die sich um die Alten kümmern werden, die heute noch jung sind? Wenn immer mehr Menschen an Einsamkeit sterben? Vielleicht sind Kommunen eine Lösung.

Vertrauen gegen Vertrauen – das funktioniert

Die Kommunarden wollen in Ostdeutschland eine alte Puppenfabrik aus der Gründerzeit kaufen oder ein verfallendes ehemaliges Lungensanatorium oder ein ungenutztes Hotel. Die Fotos liegen auf dem Tisch. Ein Grundstück, groß genug für eine Gärtnerei, kostet samt Bausubstanz nicht mehr als ein Einfamilienhaus in Westdeutschland. Und das ist das Problem. „Billig ist traurig“, sagt Rolf Novy-Huy. Als Sicherheit taugen die Ost-Objekte nicht. Sie sind unverkäuflich, wenn der Kredit platzt. Ohne Sicherheit arbeitet auch die GLS nicht, das darf sie gar nicht, vor dem Gesetzgeber ist sie eine ganz normale Bank.

Ein Zwei-Millionen-Projekt in einer alten Kaserne in einer westdeutschen Großstadt würden wir sofort finanzieren, erklärt der Kreditberater. Der Kommunarde ist verblüfft. Er will in den Osten und braucht nur 200.000 Euro, kann allerdings keine Sicherheiten vorweisen. Macht nichts. Für solche Fälle hat die GLS das Instrument der Bürgengemeinschaft entwickelt.

Dabei bürgt eine Gruppe für einen Kredit. Jedes Mitglied sollte für höchstens 3000 Euro gerade stehen; dann wird niemand ruiniert, wenn die Bürgschaft einmal in Anspruch genommen werden muss. Aber das passiert nur selten. „Denn wenn Sie 30 Menschen von Ihrem Projekt überzeugen können und wenn diese Leute Ihrem Projekt vertrauen und dafür bürgen, dann vertrauen wir Ihnen auch“, sagt Novy-Huy. Und überweist bis zu 90.000 Euro. Vertrauen gegen Vertrauen. „Die soziale Substanz, die in diesen Bürgschaften steckt, ist enorm“, erklärt er dem Kommunarden. Der Kredit sei mit Hilfe einer Bürgengemeinschaft hervorragend besichert.

Ein ähnliches Finanzierungs-Instrument sind die Leih- und Schenkgemeinschaften. Dabei müssten die Kommunarden Menschen suchen, die in den nächsten Jahren bereit sind, einen Betrag zwischen 500 und 3.000 Euro zu spendieren. Den gesamten Schenkungsbetrag stellt die Bank dem Projekt schon heute zur Verfügung. Beispiel: Wer 1.500 Euro schenken will, zahlt fünf Jahre lang monatlich 25 Euro an die Bank und dazu einen effektiven Jahreszins von 4,4 Prozent. Der deckt die Kosten des Verfahrens, die der Bank entstehen.

Für die anderen Mitglieder der Bürgen- oder Leihgemeinschaften haftet jedes Mitglied gesamtschuldnerisch mit. Die zusätzliche Haftung ist auf die Höhe der eigenen Schenkung oder Bürgschaft begrenzt. Das Restrisiko trägt die Bank, routiniert übernehmen die Mitarbeiter auch die Organisation der Bürgschafts‑, Leih- und Schenkgemeinschaften. Sie kennen sich damit aus, schließlich stammt die Idee von ihnen.

Noch scheinen einige der Projekte, die die Bank und ihre Gemeinschaften finanzieren, ziemlich ungewöhnlich. Aber bei der GLS ist man davon überzeugt, dass sie tatsächlich zukunftsträchtig sind. Die Situation ist den Bankern schließlich nicht neu: Als sie vor Jahren damit begannen, den ökologischen Landbau zu unterstützen, hielten das viele für eine vollkommen verrückte Idee. Heute sieht die Sache ganz anders aus. Ökologische Landwirtschaft steht heute für Zukunft.

Das wäre nicht möglich, ohne die Bauern, Saatgutzüchter und Forschungseinrichtungen, die seit Jahrzehnten entsprechende Methoden erprobt haben. „Die Agrarwende ist nur denkbar, weil etwas da ist, wohin man sich wenden kann“, sagt Cornelia Roeckl von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Die ist bei der Gemeinnützigen Treuhandstelle unter dem Dach der GLS angesiedelt. Hier wird Geld hauptsächlich verschenkt: weil es Dinge gibt, die notwendig sind für die Zukunft, für die aber trotzdem niemand bezahlt. Saatgutentwicklung außerhalb der Agrar-Konzerne zum Beispiel, für Produkte, die für die ökologische Landwirtschaft wertvoll sind. Wenn heute ein Bauer Saatgut braucht, dann muss vor langer Zeit jemand mit dem Züchten begonnen haben. „Es gibt immer Keimhaftes, Verrücktes, Zukunftsträchtiges, dessen Wert heute noch nicht erkannt wird. Deshalb ist es auf Schenkungsgelder angewiesen“, sagt Cornelia Roeckl.

Der biologisch-dynamische Landbau wäre heute ohne die Hilfe von Organisationen wie GLS-Bank oder GTS keine Alternative zu einer in kosmischem Ausmaß subventionierten chemo-technischen Agrarindustrie. Dann stünden wir heute so dumm da, wie wir die Müslis früher mal hingestellt haben.

Wer Geld verleihen oder verschenken will, der muss es erst mal haben. Zaubern können sie nicht in der GLS. Aber es gibt genug Menschen, die ihr Geld der Bank geben, damit die das Geld verleiht. Oder sie geben es der Treuhandstelle, die das Geld verschenkt. Oder der Beteiligungsgesellschaft, BAG, der Dritten im GLS-Bunde: Die BAG beteiligt sich zurzeit vor allem an Windkraftanlagen und legt geschlossene Fonds auf. Spekulation hat dabei keine Chance. Wer sich an einem Fonds der BAG beteiligt, tut das nicht, um möglichst viel aus seinem Kapital herauszuschlagen, sondern um das Unternehmen voranzubringen, dessen Teilhaber er ist.

Der Anleger sieht, wie sein Geld wirkt. Und freut sich

Die Genossen der Bank verzichten auf jegliche finanzielle Rendite: Abgesehen von den erst jüngst zugelassenen Stillen Beteiligungen, muss die Bank ihr Eigenkapital nicht verzinsen. Wer aber als Anleger sein Geld der Bank gibt, bekommt dafür ganz normale Zinsen. „Unsere Kunden sind keine Entsager“, sagt der Anlageberater Carten Schmitz. „Wir haben schon Windkraftfonds aufgelegt mit einer Rendite von 18 Prozent.“ Die Leute mit Geld kämen aber in erster Linie zur Bank, „weil jeder tief in sich drin den Wunsch hat, dass mit seinem Geld etwas geschieht, mit dem er gut leben kann“.

Sicher ist: Es gibt keine transparentere Bank in Deutschland. Jeder kann nachlesen, was mit seinem Geld geschieht. Der Bankspiegel, die „Zeitschrift für ein modernes Bankwesen“, führt jeden einzelnen der Kredite auf, die im vergangenen Quartal vergeben wurden. Diese Transparenz „bricht das Geldwesen runter auf das, was es ist“, sagt Schmitz, „und dadurch passiert mit den Leuten etwas“. Es elektrisiert viele Anleger, oft beginnen sie erst jetzt zu verstehen, dass Geld wirkt. Und sie sehen, wie es wirkt. Das verändert einen Menschen.

Selbstverständlich ist kein Anleger gezwungen, Zinsen zu fordern. In der Tat verzichten viele Kunden ganz oder zum Teil darauf. Doch davon profitiert nicht die Bank. Die muss zwar Geld verdienen, aber keinen Gewinn machen.

Vom Zinsverzicht profitieren viele Kreditnehmer: Etwa zwanzig Prozent des Gesamtvolumens wird zinsvermindert gewährt. Fällig wird lediglich eine Kostendeckungsumlage. Die liegt zurzeit bei 3,9 Prozent, wird jährlich neu berechnet und öffentlich entschlüsselt nach den in ihr enthaltenen Kosten für Personal, Sachen, Risiko und den Anteil für zinsverminderte, aber nicht zinsfreie Anlagen.

Weltfremd? Weltfremd ist der Finanzmarkt

Das Geld zum Selbstkostenpreis können gewerbliche Kreditnehmer nicht in Anspruch nehmen. Aber das Grundkriterium bei der Kreditvergabe müssen sie trotzdem erfüllen. Es muss absehbar sein, dass der Kreditnehmer in ökologischer, sozialer oder kultureller Hinsicht einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten wird. Was auch immer das genau sein mag: Ein Kriterienkatalog zum Abhaken existiert nicht. Stattdessen wird immer wieder neu diskutiert – weil es die eine, alleinverbindliche Ethik für die Gemeinschaftsbanker nicht gibt.

Gestritten wurde auch mal über Interna: Einige Genossen sahen den ursprünglich anthroposophischen Ansatz gefährdet, als die GLS die kranke Ökobank übernahm. Nicht wegen des wirtschaftlichen Risikos, das trägt weitgehend der Verkäufer, die auf Sanierung spezialisierte Bankaktiengesellschaft Hamm. Die Gefahr der Verwässerung sahen die Kritiker im Wachstum selbst. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Henner Ehringhaus, widersprach: „Wir sind erwachsen geworden.“

Die Finanzmärkte agieren heute fast vollständig unabhängig vom tatsächlichen wirtschaftlichen Geschehen. Wo Geld mit Geld verdient wird, steht der Rendite häufig kein echter Mehrwert mehr gegenüber – ein irrealer Markt. Weltferne aber wird ausgerechnet Anlagekunden und Mitarbeitern der GLS vorgeworfen. Als ob es verwerflich wäre, so genannte Sachzwänge als Ausreden dafür zu entlarven, dass viele Menschen ihr Geld nicht so wirken lassen, wie sie es wollen, sondern wie andere das bestimmen.

Manchmal ist es beruhigend, die Augen zu schließen und das Denken einzustellen. Es möge sich dann aber bitte niemand beschweren, man könne in dieser Welt sowieso nichts ausrichten. Man kann.

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