HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Werner Rügemer
Dr. phil. Werner Rügemer, Jahrgang 1942, Berater und Publizist für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen. Mitglied bei International Gramsci Association, bei Transparency International und bei attac. Themenschwerpunkte sind die Korruption in deutschen Kommunen und in der Weltwirtschaft sowie die Privatisierung kommunaler und staatlicher Dienstleistungen („profitable Lüge“). Journalistenpreis 2002 vom Bund der Steuerzahler NRW für das Hörfunk-Feature „Hundert Jahre wie ein Tag – Die heimliche Globalisierung der Städte“ in Radio WDR3.
1.2.2005 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Parasitäre Reichtumsmehrung

Wie die Kölner Bank Oppenheim zur größten Privatbank Europas aufstieg

Nach dem Kauf der BHF-Bank größer als jede der traditionsreichen Schweizer Privatbanken vermehrt die Bank Oppenheim ihr Vermögen und das ihrer illustren Kunden, indem sie industrielle und kommunale Substanz, die in einem Jahrhundert geschaffen wurde, ausplündert und die Zahl der Arbeitslosen weiter vermehrt.

von Dr. phil. Werner Rügemer

Zu Beginn des Jahres 2005 genehmigte das Kartellamt den Kauf der Frankfurter BHF-Bank durch die Kölner Bank Oppenheim. Damit entstand die größte Privatbankgruppe Europas. Zusammen verwaltet Oppenheim/BHF nun 100 Milliarden Euro vermögender Kunden – Unternehmer, Spitzenmanager, reiche Familienclans wie die Oetkers, die Riegels (Haribo), die Conles (LTU) und Neven DuMont (Kölner Stadt-Anzeiger).

Als nächstes steht die Wiener Bank Constantia auf der Kaufliste, als Sprungbrett in die neuen EU-Länder. In den letzten Jahren wurden Niederlassungen in Genf, Berlin, Frankfurt, München, Baden-Baden, Stuttgart, Wien, Salzburg und Hamburg eröffnet. Vertreten ist die Bank schon länger in den wichtigen Finanzoasen Zürich, Luxemburg, Dublin und Hongkong, und natürlich in New York und London.

„Gehen Sie doch zur Sparkasse“

Der Seniorchef Alfred Freiherr von Oppenheim stand mit seinem Privatvermögen von 3 Milliarden Euro auf Platz 25 der reichsten Deutschen. Er hatte den Aufsichtsratsvorsitz der für 600 Millionen Euro aufgekauften BHF-Bank übernommen und war einige Tage darauf siebzigjährig plötzlich verstorben. Die Seniorchefin Karin Gräfin von Ullmann, Mitglied des zweiten Clans von Inhabern, der neben den Oppenheims die Hauptaktionäre der bisherigen Oppenheim-Bank stellt, wird bisher mit ebenfalls 3 Milliarden Euro Privatvermögen auf Platz 26 der Liste geführt. Der Freiherr pflegte zu sagen: „Wenn Sie weniger als fünf Millionen Euro mitbringen, dann gehen Sie doch zu Ihrer Sparkasse“.

Die traditionsreiche Bank Oppenheim, die 1789 gegründet wurde, hatte im 19. Jahrhundert wie die Rothschilds in Frankreich eine bestimmende Rolle bei der Finanzierung von Industrie und Kriegen. Es wurden Aktien auf neue Eisenbahnen und Versicherungsunternehmen ausgegeben. 1866 vergab der österreichische Kaiser an Simon Oppenheim den Adelstitel für die verdienstvolle Finanzierung des Krieges Österreichs gegen Preußen. Zwei Jahre später wurde Bruder Simon Oppenheim ebenfalls geadelt, und zwar vom preußischen König für die Finanzierung des Krieges Preußens gegen Österreich.

Zielgruppe: die oberen Zehntausend

Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts stellte die Bank fest: Kredite an Unternehmen bringen zu wenig Gewinn. Deshalb korrigierte man diese einhundertjährige Praxis im Gleichschritt mit anderen Banken: Priorität haben nun die Vermögensverwaltung und der kurzfristige Kauf und Verkauf von Unternehmen. Die Zielgruppe der Bank sind seitdem „die 10.000 reichsten Deutschen, denen mehr als die Hälfte des Vermögens in Deutschland“ gehört, wie es der gegenwärtige Vorstandssprecher Christian Graf von Krockow ausdrückt.

Die Bank hat deshalb keine Laufkundschaft und keine Bankschalter, sondern diskrete Beratungsbüros, in die die betuchte Kundschaft nach Voranmeldung durch livrierte Diener geleitet wird. Das Geld wird global in Wertpapieren und Derivaten, zunehmend auch in Großimmobilien europäischer Hauptstädte investiert.

Soziales „Entzugsprogramm“ bei 20 Prozent Rendite

Die Tochtergesellschaft Oppenheim Vermögens Treuhand (OVT) organisiert die Rundumbetreuung von Großvermögen über 50 Millionen Euro. Die Tochtergesellschaft Oppenheim Immobilien Kapitalanlage-Gesellschaft (OIK) legt vor allem geschlossene Fonds auf, in die nur ausgesuchte Kunden aufgenommen werden. Ihnen verspricht man Jahresrenditen zwischen 10 und 20 Prozent.

Die 40 Aktionäre der Bank, hauptsächlich Mitglieder der drei Inhaberfamilien von Oppenheim, von Ullmann und Pferdmenges, gönnen sich ebenfalls jährliche Ausschüttungen ab 15 Prozent. Vom gemeinen Volk dagegen verlangte der Freiherr, der auch Präsident der Kölner IHK und Vizepräsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHKT) war, regelmäßig Kürzungen bei der Renten- und Arbeitslosenversicherung, ebenso müssten Kündigungen erleichtert werden. Die Gesellschaft brauche „ein langjähriges Entzugsprogramm“.

Kaufen, ausquetschen, teuer verkaufen

Das zweite neue Standbein der Bank ist der Kauf und Verkauf von Unternehmen, vorzugsweise des gehobenen Mittelstands. Das können sehr große Unternehmen sein mit bis zu einer Milliarde Jahresumsatz. Wesentlich ist, dass sie keine Aktiengesellschaften sind, denn da ist öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden. Man bevorzugt Unternehmen, die nicht börsennotiert sind und die deshalb keine Geschäftsberichte veröffentlichen und keine öffentlichen Hauptversammlungen abhalten müssen.

Nach dem Vorbild US-amerikanischer Finanzinvestoren gründete die Bank für diese „Mergers & Acquisitions“ eine eigene Tochtergesellschaft mit Namen Argantis. Sie wirbt Gelder von vermögenden Kunden. Damit werden profitable Unternehmen ganz oder teilweise aufgekauft und einer maximal siebenjährigen „Restrukturierung“ unterworfen. Diese besteht aus Programmen zur „Kosteneinsparung“, wozu Personalentlassungen, Lohnabsenkungen und der Einsatz von Leiharbeitern gehören.

Das Management wird mit Eigentumsanteilen bis zu fünf Prozent beteiligt, um die Motivation zum Durchziehen von „Grausamkeiten“ zu erhöhen. Wenn das miteingekaufte Management nicht ausreichend Geld für den Kauf der Anteile hat, bekommt es vom Finanzinvestor dafür günstige Kredite. Spätestens nach sieben, möglichst schon nach drei oder fünf Jahren wird das Unternehmen mit Gewinn weiterverkauft oder an die Börse gebracht, sodass Argantis weitere Einnahmen generiert und die Renditeversprechen von jährlich 15 Prozent aufwärts gegenüber seinen Anlegern erfüllen kann.

Großes Geld und große Politik

„Wir sind diskret, geheimer noch als geheim.“ Dieser Wahlspruch der Bank Oppenheim bezieht sich auch auf die Politik. Der langjährige Mitgesellschafter Robert Pferdmenges organisierte die schwarzen Konten des ersten CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Oppenheim gehört seit den 50er Jahren zu den Dauerfinanziers von CDU und FDP, legal wie illegal.

In den 90er Jahren erschloss sich die Bank auch die SPD. 1993 wurde der ehemalige Chef der Deutschen Bundesbank, Karl Otto Pöhl (SPD), in die Geschäftsführung geholt. Die Bank baute das neue Kölner Rathaus und vermietet es bis 2028 an die Stadt – zu sagenhaft lukrativen Bedingungen. Möglich machte das Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier (SPD), der anschließend Geschäftsführer bei Oppenheim wurde. So wird der ohnehin überschuldete Haushalt der Stadt ausgeplündert.

Es entbehrt nicht einer herzhaften Ironie, dass Oppenheim die Stadt seitdem immer wieder auffordert, zur Haushaltssanierung endlich die Stadtwerke und die 42.000 städtischen Wohnungen zu verkaufen. Die Bank berät inzwischen für hohe Honorare weitere Städte bei der Privatisierung des kommunalen Eigentums. Wenn nötig, wird wie beim Kölner Oberstadtdirektor ein bisschen nachgeholfen. Oppenheim richtete 1998 ein Vermögenskonto für den damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping ein, auf Vermittlung des „Beziehungsberaters“ Moritz Hunzinger. Inzwischen verdient die Bank auch bei der Privatisierung von Bundeswehr- und anderen Bundesimmobilien.

Die Bank Oppenheim mischte deutschlandweit immer oben mit, sehr diskret. Die Bank blieb auch in der Zeit des Nationalsozialismus gut im Geschäft. Die Mitinhaber Waldemar und Friedrich Carl von Oppenheim hatten beide jeweils 18 Aufsichtsratsmandate in großen deutschen Unternehmen, auch in solchen des größten Hitler-Sponsors Friedrich Flick, auch in Rüstungsbetrieben.

Deshalb lag es nahe, dass der Oppenheim-Teilhaber Robert Pferdmenges von 1948 bis 1951 treuhänderisch den Flick-Konzern leitete, solange Friedrich Flick nach dem Urteil des Nürnberger Militärtribunals im Gefängnis saß. Danach verhalf die Bank Oppenheim Flick durch verdeckten Aktienkauf zum überraschenden Erwerb der Autofabrik Audi und zur späteren Vereinigung mit Daimler-Benz.

Plünderung per Gesetz

Finanzminister Hans Eichel verkündete die Grundzüge des Steuergesetzes 2000, wonach Veräußerungsgewinne von Firmenbeteiligungen steuerfrei bleiben, zuerst beim Neujahrsempfang der Kölner IHK im Januar 2000. IHK-Präsident Alfred Freiherr von Oppenheim sprach ihm dafür wohlwollende Anerkennung aus. Ob die Bank hier Einfluss genommen hat oder nicht, ist nicht bekannt.

Jedenfalls kam es den Interessen der Bank Oppenheim sehr entgegen, denn der Unternehmensauf- und verkauf gehört seitdem zu ihren am schnellsten expandierenden Bereichen. Die Bank vermehrt nun ihr Vermögen und das ihrer Kunden, indem sie industrielle und kommunale Substanz, die in einem Jahrhundert geschaffen wurde, ausplündert und die Zahl der Arbeitslosen weiter vermehrt – gefördert unter anderem von der rot-grünen Bundesregierung.

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