HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Rainer Hanemann
Rainer Hanemann, Jahrgang 56, Diplom-Ingenieur, tätig im Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt (TMLNU) auf dem Gebiet der Altlastensanierung. Beschäftigung mit den Themen Lokale Ökonomie und Geld. Mitglied des Jenaer Arbeitskreises „Wirtschaft, die dem Leben dient“.
5.2.2005 | Druckansicht

Arbeit & Soziales

Brandaktuell seit hundert Jahren

Eine Heute-Damals-Gegenüberstellung

Was der 1840 als Sohn eines Spinnmeisters in Eisenach geborene Wissenschaftler, Sozialreformer und Gründer der Carl-Zeiss-Stiftung Ernst Abbe vor hundert Jahren über soziale Sicherung, Steuern und Zinsen geredet und geschrieben hat, liest sich wie ein brandaktueller Bericht. Hier werden Textfragmente von Ernst Abbe jeweils dem Ist-Zustand von heute in Form von Grafiken gegenübergestellt.

von Rainer Hanemann

Zum Thema Steuern

Entwicklung ausgewählter Steuern von 1991-2001

Abbe berichtet

„Wir erleben jetzt das klägliche Schauspiel, daß die Gesetzgeber des Reiches und der Einzelstaaten in allen Winkeln herumsuchen, wo noch ‚was Steuerbares‘ zu finden sein möchte, und allerlei Sophismen helfen müssen, das Gewissen zu beschwichtigen, welches angesichts feierlicher Zusagen sich dagegen sträubt, daß immer wieder ‚die Masse es bringt‘, das Gewissen sich aber nicht dagegen sträuben braucht!“

„Natürlich ist auch für uns kein Wort mehr zu verlieren über die Ungerechtigkeit und Gemeinschädlichkeit einer Besteuerungsart, welche die Reichen verhältnismäßig ganz wenig belastet und deshalb, damit überhaupt ‚etwas einkomme‘, den weitaus größten Teil der Staatslasten auf die Masse der arbeitenden Bevölkerung abwälzen, dadurch aber die Lebenshaltung der breiten Volksschichten entsprechend herabdrücken muß.“

„Die Ersparnisse der Reichen, die jährlich Tausende auf die hohe Kante legen und dadurch dem Konsum anderer entziehen, die besteuert man nicht. Das nennt sich Mittelstandspolitik.“

„In jedem Staatswesen (…) muß meines Erachtens der Steuergesetzgebung noch eine andere, eine spezifisch soziale, staatserhaltende Funktion zugewiesen werden – nämlich der Regulator zu sein für das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit und das Korrektiv zu liefern gegen gewisse zerstörende Wirkungen der unkontrollierten privatkapitalistischen Produktionsweise.“

Abbe fordert

„Beseitigung der indirekten Steuern und auch Beseitigung aller Besteuerung des Arbeitseinkommens. Anweisung aller Bedürfnisse von Staat und Reich auf eine reine Vermögenssteuer, welche, nach oben progressiv, alle größeren Vermögen besteuert annähernd mit dem Prozentsatz des jeweiligen Boden- und Hypothekenzinsfußes – in der ausgesprochenen Absicht, den Zinsabwurf des gesamten Nationalvermögens für den Staat (d.h. für Staat und Reich) in Anspruch zu nehmen.“

Zum Thema Zinsen

Verteilung des Volkseinkommens 2003

Verteilung des Volksvermögens

Abbe berichtet

„Da ausschließlich die menschliche Arbeit Werte erzeugt, die zuvor noch nicht da waren, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es die Gesamtheit aller Arbeitenden im Volk ist, welche jene Summe für die Gesamtheit aller Besitzenden durch ihre Arbeit jährlich aufzubringen hat, und zwar dafür aufzubringen hat, dass die Eigentümer der Objekte des Nationalvermögens diese Objekte der Arbeit des ganzen Volkes als Mittel der Gütererzeugung vorhalten oder darleihen.“

„Die Verzinsung des Nationalvermögens beansprucht hiernach zurzeit in Deutschland vorweg ein Drittel der gesamten durch die Verbindung von Kapital und Arbeit bedingten Werterzeugung und lässt nur zwei Drittel davon als Entgelt für die Arbeitstätigkeit selbst übrig. Mithin hat die Gesamtheit aller Arbeitenden in allen Tätigkeitsgebieten, dem Durchschnitt nach, immer zwei Tage in der Woche zu arbeiten für die Gesamtheit der Besitzenden, das heißt derer, welche Miteigentümer des Nationalvermögens sind, dessen Verzinsung vorweg aufgebracht werden muß.“

Anmerkung des Autors: Nach Untersuchungen von Helmut Creutz und Margrit Kennedy liegt heute der Zinsanteil in Produkten und Dienstleistungen im Durchschnitt bei 30 bis 40 Prozent.

„Die Millionäre sind aber meist sparsame Leute, die den Überschuß nicht zu vergeuden oder zu verschenken pflegen. Von jenen großen Einkommen gelangt daher nur ein Teil zum Verbrauch, der andere – häufig größere – Teil wird zurückgelegt und fungiert am Schluß des Jahres in dem Zuwachs des Nationalvermögens, der für das nächste Jahr mit zu verzinsen ist. Von Jahr zu Jahr wiederholt sich dieser Vorgang. Dadurch wächst das Nationalvermögen, also auch dessen Zinsabwurf, fortwährend rascher als der effektive Ertrag der gesamten nationalen Arbeit wächst, und die Tributquote, welche die Gesamtheit der Arbeitenden der Gesamtheit der Besitzenden zu leisten hat, wird stetig größer. Gleichzeitig aber muß die Ungleichheit der Verteilung sowohl von Einkommen wie von Besitz immer weiter zunehmen, und von Jahr zu Jahr ein immer größer werdender Teil der gesamten Tributsumme dem kleinen Prozentsatz der Reichen zufließen. Dabei aber wird die gesamte Wirtschaftstätigkeit des Volkes – gleichfalls in immer steigendem Maße – dadurch gelähmt, dass fortgesetzt ein großer Teil des effektiven jährlichen Arbeitsertrages der Gesamtheit dem Konsum vorenthalten, dem wirklichen Gebrauch entzogen bleibt.“

Abbe fordert

„Elimination des Zinswesens aus dem Wirtschaftssystem der Völker ist daher die Voraussetzung für eine haltbare, nicht auf völlige Desorganisation hinsteuernde Wirtschaftstätigkeit.“

Zum Thema Unternehmensgewinne

Unternehmens- und VermögenseinkommenMillionäre in Deutschland

Abbe berichtet

„Auf allen diesen Gebieten machen die Großunternehmer im Durchschnitt noch sehr gute Geschäfte, trotz alle Klagen bei jeder zeitweiligen Geschäftsdepression – welche Klagen öfters nur die unerwartete Schmälerung vorheriger sehr großer Gewinne zum Anlaß haben. Woher käme auch sonst der regelmäßige Zuwachs an Millionären in den Industriebezirken, den die Vermögensstatistik von 10 zu 10 Jahren nachweist?“

Abbe fordert

„Die Aufgabe aller sozialen Gesetzgebung muß es sein, allmählich die Wege zu ebnen, auf welchen jener überschüssige Unternehmensgewinn seinen natürlichen Funktionen im Wirtschaftsorganismus des Volkes dienstbar, für die Erfüllung sozialer Aufgaben gegenüber der Gesamtheit der unselbstständigen Arbeiter haftbar gemacht werden kann.“

Abbe über Reformen der Carl-Zeiss-Stiftung

„Bei uns ist das Kapital nicht Herr der Arbeit, sondern Diener der Arbeit.“

Literatur

Ernst Abbe – Gesammelte Abhandlungen 3. Band –Sozialpolitische Schriften, Verlag von Gustav Fischer in Jena 1906

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