HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Raimund Brichta
Raimund Brichta studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt und war Redakteur bei der Nachrichtenagentur Vereinigte Wirtschaftsdienste (VWD). Chef vom Dienst und Redaktionsleiter Wirtschaft bei n-tv, freier Wirtschaftsjournalist und seit Oktober 2003 Moderator der Sendung „Telebörse“. www.brichta.de
6.6.2005 | Druckansicht

Bürger & Staat · Geld & Wirtschaft

„Die Rückabwicklung des Euro wäre die ideale Lösung“

Wilhelm Hankel im Telebörse-Interview

Eine Meldung des „stern” löste die aktuelle Diskussion um Erfolg oder Scheitern des Euro aus. Einer der vier Kläger gegen den Euro vor dessen Einführung war der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel. Im Interview mit dem Moderator der Telebörse sieht sich Hankel bestätigt und fordert die Politiker auf, das Votum der Bürger ernst zu nehmen. Sein provokanter Vorschlag: Rückabwicklung des Euro. Wir dokumentieren dieses Interview mit freundlicher Genehmigung des Nachrichtensenders n-tv. (ts)

Interview von Raimund Brichta

Raimund Brichta: Einer der den Euro schon immer kritisiert hat, ist jetzt bei mir im Studio, Wilhelm Hankel. Er ist Professor für Währungspolitik, herzlich Willkommen Herr Hankel. Selbst Euro-Befürworter räumen ja inzwischen ein, dass der Euro für Deutschland zumindest Probleme bereitet. So hat sich zum Beispiel IFO-Chef Sinn heute geäußert. Was ist denn das Kernproblem des Euro für Deutschland?

Wilhelm Hankel: Nun, das sind alles späte Erkenntnisse, auch bei Herrn Sinn. Dass der Euro schlechte Karten für Deutschland bedeutet, stand eigentlich schon vor seiner Einführung fest, denn was heißt eine gemeinsame Währung für starke und schwache Länder? Deutschland – ein Land mit sehr hohem Lebensstandard, damals vor Einführung des Euro sogar dem höchsten in Europa - wurde ja zusammengekoppelt mit Ländern mit niedrigem Lebensstandard. Das heißt in diesen Ländern sind natürlich Löhne, Steuern, Sozialkosten viel niedriger und das musste ja eine Verführung fast für alle deutschen Großfirmen sein, ihre Investitionen aus dem ach so teuren Deutschland in diese Billigländer zu verlagern.

Spielt nicht auch das Zinsniveau eine Rolle?

Hankel: Auch, das hängt eng damit zusammen. Die europäische Zentralbank ist ja nicht in der Lage, unterschiedliche Zinsen zu nehmen. Wir haben jetzt in Euroland Länder mit einer sehr hohen Inflationsrate, sehr viele sogar. Nämlich die, die wenig Ersparnisse haben und die sehr viel Geld bekommen haben. Das sind Länder wie Irland, Spanien, Griechenland, Italien. Die bekommen aber alle bei der Zentralbank dasselbe Zinsniveau. Deutschland hatte vor dem Euro ein sehr viel niedrigeres Zinsniveau, weil wir ein Land mit hoher Ersparnis und einer sehr stabilen Währung waren. Das Ergebnis des Euro ist, dass die anderen niedrige Zinsen bekommen haben - eine richtige Zinssubvention - und wir auf den alten Zinsen festgesessen sind.

Heißt das, wir haben den anderen diese niedrigen Zinsen geschenkt - aber warum leiden wir denn dann selbst darunter?

Hankel: Weil wir unseren Vorteil verloren haben. Wir boten durch die stabile D-Mark einen ungeheueren Anreiz für alle Welt nach Deutschland zu kommen, in Deutschland zu investieren, gute D-Mark zu verdienen, das auch noch bei niedrigen Zinsen. Das bedeutete, dass wir enormes Wachstum haben, wir hatten Inlandsinvestitionen, wir hatten Auslandsinvestitionen. Und der Euro hat wie eine Rutschbahn gewirkt. Jetzt sind die Auslandsinvestoren, aber auch die Inlandsinvestoren ins steuer-, lohn- und sozialkostenbillige Ausland abgewandert und wir haben das Problem mit fehlenden Arbeitsplätzen. Und das hätte Herr Sinn und all die klugen Leute eigentlich vorher wissen müssen.

Gut, Lamentieren hilft aber jetzt wenig, was wäre aus Ihrer Sicht die Lösung?

Hankel: Tja, die ideale Lösung wäre natürlich, wenn man einen Fehler gemacht hat, ihn auszubügeln - die Rückabwicklung des Euro.

Wie soll das technisch gehen?

Hankel: Also technisch kostet es leider sehr viel Geld. Es hat schon sehr viel Geld gekostet, den Euro einzuführen. Fast 80 Milliarden D-Mark sind in den Sand geschrieben worden. Es gab ja einen Finanzminister damals, der gesagt hat „das rechnet sich“. Es rechnet sich eben nicht! Also zurück, ich könnte mir eine sehr intelligente Lösung vorstellen. Der Euro bleibt eine Art Rechnungseinheit - ein europäisches Symbol - und alle nationalen Währungen, auch die D-Mark, bilden über den Euro den Wechselkurs. So hatten wir es ja früher auch. Schauen Sie, der gemeinsame Markt war ja 50 Jahre ein Bombenerfolg ohne den Euro. Diesen Zustand wieder herzustellen, wäre die intelligente Lösung. Und die technische Lösung wäre natürlich, der EZB aufzugeben - was ja nur richtig ist - Inflationsländern höhere Zinsen abzuverlangen, Stabilitätsländern wie Deutschland niedrigere. Nur so kann vermieden werden, dass das Euroland ein Inflationskarussel wird.

Kurz zum Schluss, wir haben gerade gehört, auch in Deutschland will die Mehrheit der Bevölkerung die D-Mark wiederhaben. Glauben Sie denn, dass das Thema D-Mark auch jetzt zum Wahlkampfthema wird?

Hankel: Ich würde es nicht ausschließen. Eigentlich zeigt dieses Nein der Holländer, dieses Nein der Franzosen, dass unsere Bevölkerungen ja sehr viel intelligenter sind, als unsere Politiker. Denn hätte man die Bevölkerung gefragt, hätten die Politiker diese Dummheit, wirkliche Dummheit, nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa, gar nicht machen können. Wenn wir also wie jetzt auf die Bevölkerungen hören, dann kämen wir raus aus dem Schlammassel.

Konträre Ansichten von Wilhelm Hankel, herzlichen Dank.

Das Interview führte Raimund Brichta in der Sendung Telebörse des Fernsehsenders N-TV (www.n-tv.de) am 1. Juni 2005 um 21.15 Uhr.

Professor Dr. Wilhelm Hankel (Jahrgang 1929) lehrt Währungs- und Entwicklungspolitik an der Universität Frankfurt am Main. Er begann seine Berufslaufbahn bei der Bank deutscher Länder, der Vorgängerinstitution der Deutschen Bundesbank. Nach seiner Mitarbeit in verschiedenen Bundesministerien, als Direktor bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau und als enger Mitarbeiter des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller, wirkte Hankel von 1972 bis 1978 als Chef der Hessischen Landesbank.

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