HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Petra Ensminger ist freie Journalistin und Moderatorin u.a. beim Deutschlandfunk.
24.2.2009 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Staatsbankrott im Euroraum

Wie die Finanzkrise die Gemeinschaftswährung bedroht

Vor Bankern erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel Mitte Januar 2009 ganz offen: „Es gibt das Gerücht das Staaten nicht pleite gehen können. Dieses Gerücht stimmt nicht.“ Über die Konsequenzen für den Euro sprach Petra Ensminger mit dem Wirtschaftsprofessor Joachim Starbatty.

Interview von Petra Ensminger

Was bedeutet Staatsbankrott?
Das bedeutet Zahlungsunfähigkeit eines Landes und damit auch zwangsläufig Ausstieg aus der Währungsunion.

Glauben Sie denn überhaupt, dass es zu einem solchen Bankrott kommen kann?
Wenn beispielsweise diese Länder Euroschulden haben und sie können die Euros nicht selbst drucken, dann machen sie bankrott.

Wer sind denn Ihrer Meinung nach die gefährdetsten Kandidaten zurzeit?
Das sind alle Länder der südlichen Peripherie, also Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und auch Irland.

Und wie sieht’s mit den osteuropäischen Ländern aus?
Die osteuropäischen Länder sind noch stärker gebeutelt, weil sie ja nicht unter dem Schutzschirm des Euro stehen. Wenn da Kapital abwandert, stürzen die Währungen dort ab, weil sie eben nicht im Euro-Verbund sind. Und damit sind auch die Bürger und die Regierungen überschuldet, die sich beispielsweise in Fremdwährungen fremdfinanziert haben.

Jetzt stellt sich die Frage innerhalb der Eurozone, was müssten denn die Staaten da tun, um zu verhindern, dass eines ihrer Mitglieder bankrott geht.
Ja nun, diese Länder hätten selbst dafür sorgen müssen, dass sie kreditfähig sind und dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten können. Dazu hatten sie Zeit, und sie wussten, was auf sie zukommt, wenn sie das nicht tun würden. Und wenn man ihnen jetzt dabei hilft, dann geht der alte Schlendrian weiter. Und Issing, der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, hat völlig zurecht gesagt, wer jetzt mit Geld aushilft, der legt die Axt an das Währungssystem.

Kann man nicht umgedreht sagen, mitgehangen, mitgefangen, die Staaten könnten möglicherweise den Euro mit runterreißen?
Nein, die reißen den Euro nicht mit runter. Wenn sie ausscheiden, bleiben ja die starken Länder innerhalb des Euro. Und das zeigt, dass wir an sich innerhalb der Währungsunion zwei verschiedene Gruppen haben: die Starkwährungsländer mit den Niederlanden, Deutschland, Österreich und Finnland und die Schwachwährungsländer, die ich eben aufgezählt habe. Das würde auseinanderbrechen, aber das wäre nur die ökonomische Realität.

Also würde das fast schon einem Reinigungsprozess gleichkommen?
Das würde ich so sehen. Und diese Länder könnten, wenn sie aus der Währungsunion ausstiegen, ihre Wechselkurse entsprechend den ökonomischen Gegebenheiten anpassen und wieder Fuß fassen. Wenn das nicht geschieht, wird bei ihnen die Arbeitslosigkeit steigen. Und die finanziellen Transfers, die man jetzt ins Auge fasst, werden ins Unermessliche steigen

Umgedreht wurde eine Studie in Brüssel veröffentlicht, in der ging es genau um die neuen Mitgliedsländer und sie zeigt, dass die Wirtschaft dieser neuen Mitgliedsländer stabiler geworden ist, die Arbeitslosigkeit gesunken ist, das Bruttoinlandsprodukt gestiegen ist. Also ist es nicht wichtig, gerade schwächeren Ländern die Chance zu geben, in der Eurozone zu bleiben?
Diese Erfolge sind ja darauf zurückzuführen, dass diese Länder sich alle im Ausland verschuldet haben. Die haben gewissermaßen ihr inneres Wachstum mit Auslandsschulden finanziert. Der Konsum beispielsweise ist eben durch Auslandsschulden finanziert worden, und jetzt kommt der Tag der Wahrheit, wo die Gläubiger ihr Geld zurück haben wollen, und dann kommen diese Länder natürlich in starke Schwierigkeiten.

Auf der anderen Seite hat sich der Euroraum als starke Wirtschaftszone gezeigt. Ist es nicht wichtig, dass wir tatsächlich diesen großen Wirtschaftsraum erhalten?
Wir haben einmal einen Handelsraum und dann einen Währungsraum. Im Handelsraum ist es so, dass wir jetzt eine zweigeteilte Gesellschaft haben, nämlich die Überschussländer, die mit ihren Überschüssen der Leistungsbilanz den Konsumhunger der Schwachwährungsländer finanzieren, und das geht auf Dauer nicht. Irgendwann mal müssen diese Schulden auch zurückgezahlt werden, dann müssten die Länder wieder wettbewerbfähig werden. Das geht entweder dadurch, dass sie selber den Gürtel enger schnallen – aber das ist nun gerade jetzt außerordentlich schwierig – oder aber dass sie die Wahrheit erkennen und sagen: Wir sind wettbewerbsunfähig, wir müssen einen neuen Wechselkurs finden. Das bedroht natürlich jetzt die europäische Währungsunion in ihrem Kern, sie würde dann zerfallen, wie gesagt, in einen Stark- und einen Schwachwährungsblock.

Was glauben Sie denn, wie wird das Europa der Zukunft aussehen, werden wir tatsächlich so weit kommen, dass wir den kleinen Block wieder haben?
Wenn die ökonomische Realität jetzt Bahn greift, dann wird es so kommen. Wenn jetzt das, was Politiker teilweise vorhaben – gemeinsame Anleihen aufgelegt werden oder finanzielle Transfers gewährt werden – dann geht der alte Schlendrian weiter und wir werden so hohe Zinsen haben, dass auch unser Bundesfinanzminister Schwierigkeiten haben wird, seine Schulden zu finanzieren.

Derzeit werden in den europäischen Ländern auch nationale Konjunkturprogramme aufgelegt. Der Staat nimmt sehr viel Geld in die Hand.
Ob das wirklich wirkt, ist nun sehr zweifelhaft, das ist eher wohl eine Beruhigungspille. Denn unser Problem ist ja der Einbruch der Weltkonjunktur, und wenn man dann Infrastruktur aufbaut, dann kann man den Unternehmen nicht helfen, die auf den Welthandel angewiesen sind. Insofern wird dieses Programm allenfalls etwas lindernd wirken, aber keinen Umschwung bewirken.
Das Interview führte Petra Ensminger in der Sendung „Das war der Tag – Journal vor Mitternacht" am 20. Februar 2009 im Deutschlandfunk.

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