HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Jens Hakenes
Jens Hakenes ist Diplom-Journalist und lebt als freier Autor, Webdesigner und Kommunikationsberater in Berlin (www.image-werkstatt.de).
18.3.2009 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft · Praxis & Projekte

Überlebensfähige Finanzsysteme

Krisenmanagement mit Wissen aus der Natur

„Von der Natur können wir lernen, was für eine nachhaltige Weltfinanzordnung wichtig ist,“ erklärt der ehemalige Zentralbanker Bernard Lietaer. In einer wissenschaftlichen Arbeit für die World Academy of Arts and Sciences in Hyderabad (Indien) vergleicht der Belgier komplexe Ökosysteme mit einem von Menschen gemachten komplexen System: der Ökonomie. Ein erfolgreiches Konzept aus der Schweiz steht Pate für einen Weg aus der Krise.

Beitrag von Jens Hakenes

Unvorstellbar viele Milliarden Euro haben Regierungen auf der ganzen Welt für die jüngste, vorläufige Rettung des Bankensystems gezahlt oder als Bürgschaften zur Verfügung gestellt. Nach den Rettungspaketen für die Banken gab es teure Versprechen für deren Kunden. Mit staatlichen Garantien haben die Regierungschefs versucht, die auf die Bevölkerung übergreifende Angst zu vertreiben und einen „Run“ auf die Banken zu verhindern. Letzteres ist zumindest bisher größtenteils gelungen, aber zu welchem (möglichen) Preis?

Eine Vorstellung der ungeheuren Dimension ermöglicht der Lietaers Analyse entnommene grobe Vergleich des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit den nun staatlich garantierten Aktiva („Haben“) der bedeutendsten Banken. Bei den drei größten deutschen Bankhäusern geht es um einen Wert von 130% des Jahresgesamtwerts aller in Deutschland produzierten Waren - 317% sind es in Großbritannien, 773% bei den beiden größten Banken der Schweiz und 1079% im Fall der drei führenden Banken Islands.

Während es sich hierbei größtenteils „nur“ um Bürgschaften handelt, die möglicherweise gar nicht genutzt werden, haben Banken weltweit Rekordverluste verzeichnet:

Northern Rock Bank (GB): 50 Mrd. US-$
Citigroup (USA):                47 Mrd. US-$
Merrill Lynch (USA):           46 Mrd. US-$
UBS (Schweiz):                  37 Mrd. US-$
Lehman Brothers (USA):    17 Mrd. US-$
Deutsche Bank:                 10 Mrd. US-$

Insgesamt wurde bisher ein Minus von rund 350 Milliarden US-Dollar bestätigt. Schätzungen gehen von insgesamt weit über 1000 Milliarden US-Dollar Verlust durch die Immobilienkredit-/Subprime-Krise aus. Lietaer spricht in seiner Analyse von der „Spitze des Eisbergs, denn die gleichen laxen Gepflogenheiten herrschten in Amerika auch für Auto- und Studienkredite und besonders für Kreditkartenschulden“.

Die Zweite Welle rollt an

Nach den Rettungspaketen für die Banken (und den ungedeckten Versprechungen für die Bankkunden) werden weitere geschnürt. Neben der Autobranche hat bereits die Luftfahrtindustrie Bedarf angemeldet. Weitere Wirtschaftszweige werden (auch resultierend aus den zunehmend faulen Konsumentenkrediten) zwangsläufig folgen, denn die „Zweite Welle“ rollt an. Schlechte Bankbilanzen führen zu einer eingeschränkten Kreditvergabe, die die ersten Unternehmen, vor allem die Autozulieferer mit ihrem geringen Eigenkapital, schon zu spüren bekommen. Die Folge ist eine wirtschaftliche Rezession, die wiederum zu schlechteren Bankbilanzen führt… - eine klassische Abwärtsspirale.

Als Rettungsmaßnahme sind Eingriffe wie die Verstaatlichung von Banken oder faulen Krediten durchaus üblich. In den vergangenen 25 Jahren hat die Weltbank 96 Banken- und 176 Finanzkrisen gezählt – jedes Mal übernahm der Staat (und damit der Steuerzahler) die entstandenen Schulden. Auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse schlägt Lietaer nun etwas völlig anderes vor. Etwas, das einen nachhaltigen Effekt verspricht, also das Ende der fast schon regelmäßig wiederkehrenden Finanzkrisen bedeutet.

In seiner Studie stellt er in Bezug auf das der Ökonomie zugrunde liegende Geldsystem eine anfällige Monokultur fest, die einzig und allein auf Wachstum und Effizienz ausgerichtet ist. Nachhaltige Ökosysteme dagegen streben nach einer Balance zwischen Effizienz und Vielfalt. Die deutlich größere Vielfalt und deren Vernetzung sorgen dabei für eine größere Belastbarkeit und damit für eine Nachhaltigkeit des Systems.

Bei komplexen Ökosystemen abgeschaut

Wir könnten von der Natur lernen: Um ein ebenso belastbares und nachhaltiges Wirtschaftssystem zu schaffen, bräuchten wir mehr Vernetzung und Vielfalt. Auch dabei könnte der Staat eine bedeutende Rolle spielen. Den Anfang aber könnten andere machen: die betroffenen Unternehmen. Ein historisches Vorbild dafür schildert Lietaer in einer Geschichte:

„Vor langer Zeit, während einer ähnlichen Krise wie der gerade beginnenden, trafen sich sechzehn Geschäftsleute, um darüber zu beraten, was sie selbst dagegen unternehmen könnten. Sie oder ihre Kunden hatten von ihren jeweiligen Banken Briefe mit der Mitteilung erhalten, dass ihre Kreditlinien reduziert oder gekündigt würden. Ein Bankrott war daher nur noch eine Frage der Zeit. Sie stellten fest, dass Firma A den Kredit benötigt hatte, um Güter von Firma B zu kaufen, welche wiederum das Geld benötigte, um Güter von ihren Zulieferern zu bestellen. Und so entschlossen sie sich, untereinander ein gegenseitiges Kreditsystem aufzubauen und luden dazu auch ihre Zulieferer und Kunden ein. Wenn Firma A etwas von Firma B kauft, bekam A ein Soll und B erhielt die zugehörige Gutschrift. Sie erschufen ihre eigene Währung, deren Wert genau der nationalen Währung entsprach, aber mit der interessanten Eigenschaft, keine Zinsen zu erbringen.“

Die Rede ist vom Schweizer WIR-System, das 1934 in Zürich von 16 Unternehmern gegründet wurde und inzwischen von 60.000 Unternehmern genutzt wird. Eine Studie bescheinigt dem WIR ein wesentlicher Eckpfeiler der auch in Krisenzeiten stabilen Schweizer Wirtschaft zu sein. Mit den vorliegenden Erfahrungen und der verfügbaren Informationstechnik könnten weitere solcher „Business-to-Business (B2B)-Systeme“ die nach und nach ebenfalls von der aktuellen Krise betroffenen Industriezweige stützen. Doch nicht nur das: Die privatwirtschaftlichen Verrechnungssysteme könnten zu Eckpfeilern einer tatsächlich neuen Weltfinanzordnung werden.

Eine wichtige Voraussetzung dafür wäre allerdings laut Lietaer die staatliche Unterstützung solcher Komplementärwährungen; beispielsweise, indem die Finanzämter zumindest übergangsweise die Gewerbesteuer teilweise in der B2B-Währung akzeptieren und in Städten und Gemeinden eigene Komplementärwährungen erlauben würden. Beides käme die Steuerzahler (und auch den Bankensektor) auf jeden Fall weniger teuer als die bisherigen und weitere Rettungspakete.

Bleibt es bei den üblichen staatlichen Rettungspaketen, die die systemischen Probleme nicht angehen, wird es zwangsläufig zu immer größeren Zusammenbrüchen kommen, denn, so Lietaer, „übermäßige Konzentration auf Effizienz schafft genau solche Wirtschaftsblasen, wie wir sie wiederholt in jedem Boom- und Pleiten-Zyklus in der Geschichte gesehen haben, einschließlich der größten Pleite überhaupt: der, die wir heute erleben.“ (siehe auch http://www.lietaer.com).

Bernard Lieater, früherer Zentralbanker und Währungsspekulant, arbeitet mit Prof. Margrit Kennedy, Prof. Dr. Dr. Wolfgang Berger und anderen an einem etwas anderen Rettungspaket.

Weiterführende Informationen unter www.monneta.org

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