HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Klaus Popp
Klaus Popp ist Referent, Seminarleiter und Autor mit dem Schwerpunkt Fair-
conomy. Sein Buch „Das Märchen vom guten Zins“ ist 2006 im Signum-Verlag erschienen und unter www.inwo.de auch als Hörbuch erhältlich.
Mehr über den Autor auf seiner Internetseite www.klaus-popp.info.
1.7.2009 | Druckansicht

Geld & Wirtschaft

Die positive Wirkung negativer Zinsen

Wenn Ökonomen die Nullzinsschranke durchbrechen

Die Redakteure angesehener Wirtschaftsblätter reiben sich seit einigen Wochen verwundert die Augen: Da diskutieren renommierte Fachökonomen ernsthaft über negative Leitzinsen der Notenbanken. Nebulös bleibt dabei noch die Frage der Umsetzung. Unser Autor weiß Rat.

Beitrag von Klaus Popp

Handelsblatt, Financial Times Deutschland, New York Times - immer mehr Zeitungen widmen sich der scheinbar kuriosen Vorstellung negativer Leitzinsen. Die Modelle einiger Ökonomen verlangen danach. Die entscheidende Frage dabei: sind negative Leitzinsen überhaupt machbar? Falls ja: wäre ihre Einführung überhaupt sinnvoll? Und wie ließen sie sich erreichen?

Negative Leitzinsen seien sehr wohl möglich, betont Harvard-Professor Gregory Mankiw. Sein Kollege Willem Buiter, Professor an der London School of Economics, hat schon vor Jahren in diese Richtung gedacht und auch darüber geschrieben. Die beiden Ökonomen beweisen eine beeindruckende Innovationskraft. Doch leider fehlt auch bei ihnen der Gedankensprung, vom „negativen Zins“ zu einer Gebühr auf die Zurückhaltung von Liquidität. Ein scheinbar belangloser Unterschied, der in der Praxis jedoch die entscheidenden Voraussetzungen schafft.

Das Dilemma der Fachleute besteht darin, dass die Leitzinsen nach ihren Berechnungen (Taylor-Regel) derzeit negativ sein müssten. Das ist jedoch mit heutigen Mitteln nicht möglich. Leitzinsen unter null Prozent, das hieße: Die Geschäftsbanken bekommen eine Geldprämie dafür, dass sie Geld in Umlauf bringen. Eine dramatische Ausweitung der Bargeldmenge wäre die Folge.

Wesentlich für die Geldmengensteuerung ist, dass die herausgegebene Geldmenge auch bei Wachstums- und Inflationsraten um Null gleichmäßig umläuft. Das Problem der Ökonomen sind ihre Scheuklappen. Sie wissen, dass sie die entscheidende Veränderung in ihrer Formel durch eine Beeinflussung der Geldumlaufgeschwindigkeit erreichen könnten. In ihren Lehrbüchern finden sie dafür jedoch kein geeignetes Mittel, außer einer erhöhten Inflationsrate – mit erheblichen Nebenwirkungen. Im Handwerkszeug der Notenbanken fehlt ein Impulsgeber, der den Geldumlauf antreibt, auch wenn die Zinsen sinken.

Gebühr auf Liquidität als Lösung des Dilemmas

Trotz einer stetigen Ausweitung der Bargeld- und Giralgeldmenge wird zu wenig Geld ausgegeben. Zins- und Inflationsraten um null Prozent machen Hortung und verstärkte Liquidität (Kassenhaltung) zu Spekulationszwecken attraktiv. Als Folge verringert sich das Angebot für langfristige Kredite. Die Kassenhaltung unterliegt derzeit keinem Inflationsverlust und verursacht keine Kosten. Ein sogenannter Geldstreik ist die beinahe zwingende Folge.

Der Ausweg hieße „Liquiditätsgebühr“. Der Ökonom John Maynard Keynes hat dies mit Verweis auf die Analysen des Kaufmanns Silvio Gesell (1862-1930) so beschrieben: „Jene Reformer, die in der Erzeugung künstlicher Durchhaltekosten des Geldes ein Heilmittel gesucht haben, zum Beispiel durch das Erfordernis periodischer Abstempelungen der gesetzlichen Zahlungsmittel zu vorgeschriebenen Gebühren, sind somit auf der richtigen Spur gewesen; und der praktische Wert ihrer Vorschläge verdient diskutiert zu werden.“

Konkret besteht der Ausweg aus dem Dilemma aus einer Gebühr auf Liquidität, also der „Kassenhaltung“ von Zahlungsmitteln. Will man die Zinstreppe erhalten und gleichzeitig die langfristigen Anlagen in den Bereich um Null bringen, müssen die liquiden Mittel Kosten verursachen.

 


Grafik:
Um die heutige Zinstreppe (links) nach unten zu verschieben (rechts) benötigen die Notenbanken ein neues Instrument: Gebühren auf Liquidität (Kassenhaltung). Abbildung: Helmut Creutz/Klaus Popp/INWO

 

Das Zurückhalten von Liquidität kann durch eine Gebühr auf Bargeld zum Kostenfaktor gemacht werden. Dadurch werden die Marktteilnehmer angehalten, ihre Liquidität weiter zu geben. Dies geschieht in Form von Käufen, Investitionen oder als Kredit an andere. Mit der Einführung dieser Liquiditätsgebühr bekämen die Notenbanken ein Mittel in die Hand, mit dem sie aktiv den Umlauf der herausgegebenen Geldmenge beeinflussen könnten. Ein damit erzielbarer gleichmäßiger Geldumlauf beugt Nachfragekrisen vor. Gleichzeitig wird verhindert, dass durch Horten von Geld ein Inflationspotential aufgebaut wird, wie das bisher geschieht. Die Verstetigung der Umlaufgeschwindigkeit beruhigt die Märkte. Das zyklische Auf und Ab durch Nachfragekrisen kann so entscheidend gedämpft werden.

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