HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Annette Jensen, © Uli Anders
Annette Jensen, Jahrgang 1962, studierte Germanistik und Politikwissenschaft. Nachdem sie acht Jahre lang bei der taz arbeitete, lebt sie nun seit sechs Jahren als freie Journalistin in Berlin und arbeitet zu den Themen Umwelt, Arbeitswelt und fairer Handel.
1.6.2004 | Druckansicht

Arbeit & Soziales

Schuften statt Schule

211 Millionen Kinder weltweit müssen arbeiten

Managua, Nicaragua. Eine Kreuzung in der Nähe der Kathedrale. Die Sonne steht fast senkrecht. Der Asphalt unter Maria Valdelomars Füßen ist weich. Das schmale Mädchen schlängelt sich zwischen zwei Autoreihen hindurch, mehrere Fahrer schütteln den Kopf. Die Zeit wird knapp. Noch etwa dreißig Sekunden, dann springt die Ampel auf Grün. Jetzt beugt sich die Zwölfjährige über eine brennend heiße Kühlerhaube: Ein paar Kreisbewegungen mit dem Schwamm, den Gummischaber nachziehen, andere Seite, fertig. Der Mann am Steuer kurbelt das Seitenfenster hoch. Maria schlägt wütend gegen das Blech.

Beitrag von Annette Jensen

Ganztags schuften für einen Euro und ein paar Cents

Acht, manchmal zehn Stunden am Tag treiben sich Maria und ihre ältere Schwester auf dieser Straßenkreuzung herum. Wenn es gut läuft, haben die beiden Mädchen am Abend umgerechnet jeweils 1,30 Euro eingenommen – den Preis für zwei Kilogramm getrocknete Bohnen. Doch anders geht es nicht: Ihre Mutter allein könnte die fünfköpfige Familie nicht ernähren. „Ich will nicht immer auf der Straße sein müssen, ich würde viel lieber zur Schule gehen“, formuliert Maria ihren Traum. Aber zum einen könnte sie in der Zeit ja kein Geld verdienen, und zum anderen sind Schulgeld und -uniform für ihre Familie unbezahlbar.

„Meine Schuhe kaufe ich selbst“

Die zehnjährige Uanda Wete aus dem 130 Kilometer entfernten Jinotega hat es besser. Zwar beginnt auch ihr Arbeitstag morgens um sechs. An einem Gemüsestand. Doch um elf ist Schluss. Dann schlendert sie zum Kinder-„Club infantil“. Dort finden Lese- und Rechenkurse statt, wenn es auf dem Markt ruhiger ist. Seit einem Jahr besucht Uanda nachmittags sogar eine richtige Schule. Die Mitarbeiter vom „Club infantil“ haben mit dem Direktor ausgehandelt, dass sie ohne Unterrichtsgebühren teilnehmen darf. „Meine Schuhe, Stifte und Hefte kaufe ich selbst“, erzählt das Mädchen stolz, das später selbst Lehrerin werden möchte. Unterstützt wird das Projekt unter anderem von der Hilfsorganisation Terre des Hommes.

Vierzig Cents Tageslohn

Auf der anderen Seite der Erde, im südindischen Karur, verfolgen die Mitarbeiter von Psycho Trust einen ähnlichen Ansatz, und auch sie bekommen finanzielle Unterstützung von Terre des Hommes. Im Distrikt weben 25.000 Kinder für vierzig bis achtzig Cents am Tag Staubtücher, nähen Tischdecken oder schleifen künstliche Edelsteine, Glitzer für Ketten, Christbaumkugeln und Schuhe. Weil Kinder noch scharfe Augen haben, nicht aufmucken, weniger Lohn bekommen als Erwachsene und leicht betrogen werden können, werden sie besonders gern angestellt, berichtet Christu Raj, Leiter von Psycho Trust.

Kinderarbeit verschärft die Armut weiter

Erst abends um acht kann der Unterricht im Zentrum der Organisation beginnen. Vierzig Mädchen und Jungen hocken auf dem Boden, jeder hat ein kleines Heft und einen Bleistift in der Hand, für eine bessere Ausstattung hat das Geld bisher nicht gereicht. Weil die Kinder nach dem langen Arbeitstag müde sind und sich nicht mehr lange konzentrieren können, wird nach zehn Minuten Rechnen erst einmal ein Lied gesungen. Neben dem Unterricht für Kinder bietet Psycho Trust auch Hilfe bei der Berufsausbildung von Jugendlichen und unterstützt Mütter, die sich selbstständig machen wollen, um mehr Geld zu verdienen. Denn eines ist klar: Wo viele Kinder arbeiten, drücken die Unternehmen die Löhne nach unten. Viele Erwachsene finden überhaupt keinen Job mehr. Ein Teufelskreis: Kinderarbeit resultiert aus Armut – und verschärft sie auch noch.

Ohne jede Chance für später

Zwar hat die überwältigende Mehrheit aller Länder ein internationales Verbot von Kinderarbeit unterschrieben und deklariert den Schulbesuch zur Hauptbeschäftigung von Mädchen und Jungen. Zugleich kommt eine aktuelle Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zu dem Schluss, dass der volkswirtschaftliche Nutzen einer allgemeinen Schulbildung deren Kosten um den Faktor 6,7 übersteigt. Doch tatsächlich müssen weltweit 211 Millionen Kinder unter fünfzehn Jahren arbeiten. Tendenz steigend. Die meisten von ihnen schuften unter ausbeuterischen Bedingungen und oft ohne jede Chance, später ein besseres Leben führen zu können.

Keinerlei Sozialleistungen

Dabei sind nur etwa zehn Prozent der Kinderarbeiter in Betrieben beschäftigt, die Textilien, Kaffee, Teppiche, Ziegel oder andere Waren für den Weltmarkt produzieren. Die meisten arbeiten dagegen im so genannten „informellen Sektor“ als Hirten, Händler, Hausmädchen, Schuhputzer oder Erntehelfer – in Bereichen also, wo es keinerlei Verträge und Sozialleistungen gibt. Ein offizielles Verbot von Kinderarbeit nützt ihnen wenig und bewirkt manchmal sogar das Gegenteil: Erwachsene Händler können sie schlagen oder vertreiben, ohne dass die Kinder ein Recht auf Unterstützung hätten. Außerdem sind Kinder zwar von den Lohnlisten vieler Plantagenbesitzer verschwunden, nicht aber von den Feldern. Die Folge zum Beispiel in Lateinamerika: Sie haben jetzt keinen Anspruch mehr auf ein Mittagessen.

Schule statt Schuften

Der aussichtsreichste Weg ist deshalb eine Stärkung der Kinder – und das vor allem durch Bildung. In Indien, dem Land mit der höchsten Rate an Kinderarbeit, haben sich siebenhundert Organisationen zur Kampagne gegen ausbeuterische Kinderarbeit zusammengeschlossen. In Deutschland wirbt das Kinderhilfswerk Terre des Hommes um Spenden für die Bildungskampagne „Den Kinderarbeitern eine Zukunft“ (www.terre-des-hommes.de). Die Gewerkschaft Ver.di unterstützt damit den Appell, beim Einkauf Produkte zu bevorzugen, die nach den Kriterien des fairen Handels zertifiziert sind.

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