HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Geld- und bodenpolitische Grundlagen einer Agrarwende

Bücher zum Thema
Ökonomie & Ökologie

17.11.2004

Werner Onken

Geld- und bodenpolitische Grundlagen einer Agrarwende

Gauke – Verlag für Sozialökonomie · 124 Seiten · 2004

Während die industrialisierte Landwirtschaft des Nordens gigantische Lebensmittelüberschüsse produziert, hungern auf der Südhalbkugel der Erde Millionen von Menschen. Seit Jahrzehnten ist dies ein unhaltbarer Zustand, der nach Abhilfe schreit. Die als Folge der industriellen Massentierhaltung aufgetretene Tierseuche BSE hat die Forderungen nach einer Agrarwende weiter verstärkt. Doch der in vielerlei Hinsicht notwendige Wandel kommt nur langsam voran. Der ökologische Landbau, der in Deutschland seinen Anteil auf über 3% der Anbaufläche steigern konnte, kämpft seit einiger Zeit mit stagnierenden Märkten und inzwischen auch teilweise rückläufigen Erzeugerpreisen.

Der Autor Werner Onken, Diplomökonom, Redakteur der Zeitschrift für Sozialökonomie und Verfasser zahlreicher Bücher und Aufsätze über Alternativen zur kapitalistischen Form der Globalisierung, geht in seiner Broschüre nach einem kurzen Abriss der Geschichte der Landwirtschaft seit dem Mittelalter besonders der Frage nach, wie es denn überhaupt zur „Not der Landwirtschaft“ kommen konnte.

Besonders beleuchtet er dabei in der Regel wenig diskutierte, als Selbstverständlichkeit hingenommene Voraussetzungen heutigen Wirtschaftens. Zum Beispiel die Tatsache, dass die westlichen Agrarwissenschaften und die Agrarökonomie den im Privateigentum befindlichen landwirtschaftlichen Boden wie selbstverständlich als eine mit Hypotheken beleihbare „sichere Kapitalanlage“ betrachten, die sich wie alle Kapitalgüter verzinsen müsse. Der Bodenzins werde dem Bodeneigentümer zugeschrieben wie der Geldzins den Eigen- und Fremdkapitalgebern.

Neben dem Boden gelten weite Bereiche der belebten Natur – genau so wie das aus Gebäuden und Maschinen bestehende unbelebte Kapital – als Kapitalgüter: auch die Pflanzen und Tiere sind für die Agarökonomie verzinsliches „Pflanzen- und Tierkapital“, ebenso wie die Wälder in der Forstwirtschaft. Dass allerdings die Landwirtschaft trotz aller produktivitätssteigernder Mittel nicht so hohe Zinsen zahlen kann wie die übrige Wirtschaft, liegt nach Auffassung der herrschenden Agrarökonomie nicht an der – gar nicht wahrgenommenen – strukturellen Übermacht des kapitalistischen Geldes und davon abgeleitet der Industrie, sondern an den „naturbedingten Benachteiligungen ihrer Produktion“ in Form der mangelnden Flexibilität des Bodens, der Abhängigkeit von Klima- und Wetterbedingungen sowie der Pflegebedürftigkeit und Krankheitsanfälligkeit von Pflanzen und Tieren.

Statt die in Jahrmillionen gewachsene Natur zum Maßstab zu nehmen und die aus ihrem Rahmen fallende strukturelle Übermacht des Geldes und der rentableren Industrie gegenüber der Landwirtschaft durch eine Anpassung des Geldes an die Natur zu neutralisieren, wurde die Landwirtschaft auf die Ebene des zinstragenden Geldes ‚angehoben‘, wie Onken erläutert.

Im Laufe der letzten 50 Jahre wandelte sich so die Landwirtschaft von einer arbeitsintensiven Agrarkultur zu einem kapitalintensiven Agrobusiness, von der naturnahen Erzeugerin von Lebensmitteln zum naturfernen, dafür aber rentablen Wachstumsfeld für das sich auf den Kapital- und industriellen Gütermärkten vermehrende und immmer neue Anlagemöglichkeiten suchende Geldkapital.

Laut Werner Onken kann sich die Agrarwende deshalb nicht nur auf einen Prozess einer bloß quantitativen Ausdehnung des Ökolandbaus innerhalb des ansonsten unverändert weiterbestehenden Wirtschaftssystems beschränken. Vielmehr kann sie ihr Ziel einer vollständigen Ökologisierung des Landbaus nur im Rahmen eines qualitativen Wandels der gesamtgesellschaftlichen Strukturen erreichen, bei dem das Geld seine strukturelle Macht über die Menschen und Märkte verliert und bei dem die Naturressourcen entkapitalisiert werden – in der Landwirtschaft wie auch in den übrigen Wirtschaftsbereichen.

Bäuerinnen und Bauern wirtschaften dann ohne Rentabilitätsdruck, indem sie einerseits als in die Naturkreisläufe integrierte Produzenten den Boden, die Pflanzen und die Tiere in der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes „agricola“ hegen und pflegen, und indem sie andererseits als Anbieter auf den lokalen, regionalen und zum kleineren Teil auch überregionalen Märkten die Menschen aus den übrigen Wirtschaftsbereichen zu fairen Preisen mit Lebensmitteln versorgen.

Damit fügen sich sowohl die Ökologie als auch die Ökonomie der Landwirtschaft in den großen Haushalt der Erde ein. Als elementarster Bereich des menschlichen Daseins auf der Erde würde die landwirtschaftliche Urproduktion in ihren zukünftigen sozial- und umweltverträglichen Formen auch noch einen größeren Anteil am gesamtwirtschaftlichen Geschehen erhalten als die gegenwärtige, übermäßig intensivierte konventionelle Landwirtschaft. Gemeint ist damit keine Reagrarisierung der Industriegesellschaft, sondern eine Entmonopolisierung und Re-Regionalisierung der gesamten Wirtschaft.

Frank Bohner

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