HUMONDE - Zeitschrift für eine humane Welt und Wirtschaft
Die Schatten der Globalisierung

Bücher zum Thema
Geld & Wirtschaft

1.6.2004

Joseph Stiglitz

Die Schatten der Globalisierung

Nobelpreis für Wirtschaft

Siedler Verlag · 256 Seiten · 2003

Joseph Stiglitz, ehemaliger Wirtschaftsberater von Präsident Clinton, Chefökonom der Weltbank und Ökonomie-Nobelpreisträger 2001, gehört heute zu den einflussreichsten Kritikern des neoliberalen Kapitalismus und seiner internationalen Organisationen. Um diese Kritik ungehindert öffentlich machen zu können, trat Stiglitz 1999 vorzeitig von seinem Posten als Chefökonom der Weltbank zurück, die er heute ebenso im Visier hat wie den Internationalen Währungsfond IWF, die Welthandelsorganisation WTO und die Bush-Administration.

Während die Senioren dieser Organisationen den ärmsten Ländern der Welt stereotyp und meist nur vom grünen Tisch aus nichts anderes verordnen als eisernes Sparen, hat sich der Globetrotter Stiglitz immer vor Ort informiert. Seither tritt der streitbare Demokrat für die Entwicklungsländer ein. Während seiner Zeit als Chefökonom der Weltbank war ihm die Forderung nach einer Bodenreform im Sinn der Umverteilung von Land an die armen Bauern eines der größten Anliegen. Das hatte den anderen Weltbänkern gar nicht gefallen.

Und denen wird auch sein neues Buch nicht gefallen, das aber durch profundes Wissen und sachliche Darstellung gleichermaßen besticht. Zum Beispiel verdammt Stiglitz die Globalisierung nicht pauschal: „Die Globalisierung an sich ist weder gut noch schlecht. Es kommt lediglich darauf an, wie sie durchgeführt und umgesetzt wird“. Wenn aber die großen internationalen Organisationen nur Entscheidungen im Interesse der reichen Länder treffen und die Armen der Welt dabei immer auf der Strecke bleiben, dann rechnet und redet er Klartext.

Die Fehlschläge der Globalisierung führt Stig­­litz auf die Tatsache zurück, dass sich der IWF ebenso wie die Welthandelsorganisation WTO bei den von ihnen festgelegten Spielregeln einzig von Handels- und Finanzinteressen leiten lassen: „Wenn bei einer Institution die Finanzminister und Zentralbankpräsidenten alle Entscheidungen treffen, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die wirtschaftliche Stabilisierung zwar immer auf der Agenda steht, sich aber niemand um neue Arbeitsplätze schert und (…) dass die Bodenreform nicht von Interesse ist.“

Länder, die bei IWF und Weltbank um Hilfe ansuchen oder deren Prüfsiegel beantragen, um besseren Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten zu erhalten, müssten Weisungen folgen, mit denen die mächtigen Institutionen nichts anderes als ihre neoliberale Ideologie durchsetzen. Dadurch, so Stiglitz, seien viele Menschen in Armut und viele Staaten in soziales und politisches Chaos gestürzt. Afrikanische Entwicklungsländer beispielsweise hätten durch rigorose Sparprogramme, die ihnen der IWF auferlegte, schweren Schaden genommen.

Mit besonderer Deutlichkeit wendet sich Stiglitz gegen die neoliberale These, eine Volkswirtschaft solle den freien Kräften des Marktes überlassen werden, weil letztlich alle Schichten der Bevölkerung an dem so entstehenden Wohlstand teilhaben könnten. Klartext Stiglitz: „Der IWF und die Vertreter der neoliberalen Ideologie postulieren, man solle sich nicht um die Armen kümmern, sondern die Reichen reicher werden lassen, weil der Wohlstand dann schon zu den Armen durchsickern werde. Aber davon ist nichts zu sehen.“

Ein weiteres Thema, mit dem sich Stiglitz schon als Präsidentenberater beschäftigte, war die Frage nach der Rolle des Staates. Wie viel Gewicht soll dem Staat zukommen? Wo sollen Regierungen intervenieren, wo sollen sie sich zurückziehen? Aus dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 seien die falschen Lehren gezogen worden: „Diese neoliberale Ansicht, Märkte sich selbst zu überlassen, ist ein reiner Mythos. Es hat noch nie eine Gesellschaft mit freien Märkten ohne jegliche Kontrolle der Regierungen gegeben, die irgendwie funktioniert hätte.“

Aussagen wie diese sind es, die Stiglitz inzwischen auch zu einer Galionsfigur der Globalisierungsgegner gemacht haben.

Auch Persönliches ist in dem Buch zu lesen. Sein Vater war Demokrat und trat immer für moralische Verantwortung ein. So habe er stets darauf bestanden, Sozialabgaben für die Haushaltshilfen zu bezahlen, weil auch diese Menschen alt werden und eine Rente haben müssten. Er selbst, so Stiglitz, sei glücklicherweise immer dem Beispiel des Vaters gefolgt. Und das hat sich während seiner Zeit als Präsidentenberater noch aus einem anderen Grund ausgezahlt. Just in jener Zeit nämlich war herausgekommen, dass viele andere Clinton-Berater ihre Haushaltshilfen nicht angemeldet hatten.

Judith Brandner, Hans Olbrich

Gratis, aber nicht umsonst:
Humonde braucht Ihr Engagement.